Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.05.2011

216_Die Brötchen-Philosophie

„Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf.“ Hat Sokrates gesagt und es klingt sehr gut, aber der griechische Philosoph hatte es auch leicht mit dieser Feststellung, schon wegen des begrenzten Angebots im Athener Einzelhandel vor 2600 Jahren. Damals gab es ja praktisch nur Tongefäße, Scherben und viereckige Steine. Sokrates verfügte auch nur über sehr langsames Internet (wenn überhaupt und ohne Flatrate) und kannte keine belgischen Pralinen. Sonst hätte er nämlich etwas ganz anderes gesagt, und zwar: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf, von denen ich aber nicht genug bekommen kann.“
Dem muss ich zustimmen. Es ist mir bewusst, dass ich zum Beispiel keiner belgischen Praline bedarf. Aber ich liebe Pralinen. Und viele weitere unnütze oder überflüssige Dinge wie gestärkte Hemden, Angry Birds und Fleur de Sel. Und ich gebe zu: Es fällt mir inzwischen schwer, zu entscheiden, was ich tatsächlich dringend benötige und was nicht. Nur selten weiß ich sofort: Das brauche ich nicht.
In diese Kategorie fällt ganz eindeutig Salat im Käsebrötchen. Dennoch hat sich in der bahnhöfischen Brötchenbranche die Kulturtechnik durchgesetzt, die Ware mit schlaffem Grünzeug zu garnieren. Dazu muss man drei Mal „bäh“ sagen. Vor kurzem zog ich wie immer das Salatblatt heraus, um es angewidert weg zuschmeißen. Ich saß dabei in einem Zug, mir gegenüber eine ältere Dame und ein Handelsvertreter, die mich in etwa so wachsam beobachteten wie der amerikanische Geheimdienst einen schnurrbärtigen Südeuropäer beim Unkrautschuffeln. Stopp!
Dazu fällt mir folgender Witz ein: Ein alter Araber lebt seit 40 Jahren in Brooklyn. Er möchte in seinem Garten Kartoffeln pflanzen, aber er ist dafür zu alt und zu schwach. Deshalb schreibt er eine E-Mail an seinen Sohn, der in Europa studiert. „Lieber Ibrahim, ich bin sehr traurig weil ich in meinem Garten gar keine Kartoffeln pflanzen kann. Wenn du hier wärst, könntest Du mir helfen und den Garten umgraben. Dein Vater.“ Sein Sohn antwortet: „Lieber Vater, bitte rühre auf keinen Fall irgendetwas im Garten an. Dort habe ich nämlich ‚die Sache‘ versteckt. Dein Sohn Ibrahim.“ Keine zwei Stunden später umstellen die US Army, die Marines, das FBI und die CIA das Haus des alten Mannes. Sie nehmen den Garten völlig auseinander, suchen jeden Millimeter ab, finden aber nichts. Enttäuscht ziehen sie wieder ab. Abends bekommt der alte Araber eine E-Mail von seinem Sohn: „Lieber Vater, ich nehme an, dass der Garten jetzt komplett umgegraben ist. Viel Spaß beim Kartoffelpflanzen, Dein Ibrahim.
So. Ich saß jedenfalls im Zug und holte unter den strengen Blicken der Mitreisenden mein Käsebrötchen aus der Tüte. Ich zog in Zeitlupe an dem blöden Salat. Das Blatt wurde immer dicker und größer und unhandlicher, je länger ich daran zog und schließlich rutschten mit dem Salat ein halbes Ei, ein Tomatenviertel sowie der Käse aus dem Brötchen. Ei und Tomate plumpsten auf den Boden des Abteils, der Käse auf meine Hose. Ich hielt das Salatblatt in der einen und das leere Brötchen in der anderen Hand und starrte die Dame und den Vertreter an. Der sagte: „Sie haben eine interessante Art, Salat zu essen.“ Und was tat ich? Aß den Salat, weil ich nicht erklären wollte und konnte, was da gerade genau passiert war.
Dann nahm ich die Zeitung und las eine kleine Meldung über eine Frau aus Amerika, die das Sorgerecht für ihre achtjährige Tochter verloren hat. Sie hat dem Kind eigenhändig Botox ins Gesicht gespritzt. Mutter und Tochter waren der Meinung, die kleine Britney habe zu viele Falten, um bei einem Schönheitswettbewerb gewinnen zu können. Beide fanden, das Kind brauche deswegen unbedingt Nervengift im Körper. Seltsame Welt.
Im alten Athen gab es vermutlich kein Botox. Der kluge Sokrates hätte sich ohnehin nichts daraus gemacht. Salat im Käsebrötchen hingegen hätte dem Erstsokratiker vielleicht gefallen. Darauf deutet ein anderes Zitat von ihm hin: „Glücklich sind die Menschen, wenn sie haben, was gut für sie ist.“ Und Salat ist ja an und für sich was Gutes. Außer im Käsebrötchen.