Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.05.2011

217_Drakonische Strafen

Strafen bringen am Ende auch nichts. Ich habe es ja versucht. Zum Beispiel führte ich vor einiger Zeit ein, dass demjenigen, der im Badezimmer das Licht anlässt, für jede nachgewiesene Tat ein Euro vom Taschengeld abgezogen wird. Binnen weniger Tage stand unser Pubertier Carla bei minus 21 Euro. Eine Ungerechtigkeit, wie sie fand. Sie bat um Erlass oder Umschuldung, schließlich sei sie eine Jugendliche, die Synapsen in ihrem Hirn seien nicht korrekt verdrahtet, dafür könne sie doch wohl nichts.
Sie stand pleite und uneinsichtig wie ein Grieche im Flur und rief: „Es ist voll unfair, mich auch noch dafür zu bestrafen, dass ich in der schwersten Phase meines Lebens bin.“ So hatte ich das noch nie betrachtet. Ich war bisher davon ausgegangen, dass es kein großes Ding sein sollte, einen verdammten Lichtschalter zu bedienen. Carla fügte hinzu, es müsse bei ihrem Entwicklungsstand eigentlich genau andersrum sein: „Für jedes Mal, wo ich daran denke ein Licht aus zu machen, müsste ich von Dir einen Euro bekommen.“ Nach ihrer Rechnung stünde sie also unter Einbeziehung ihres ganzen Lebens mit gut 500 Euro im Haben. Die Kohle könne ich ihr aber gerne morgen geben, sie habe es nicht eilig. Dann löschte sie das Licht im Flur, ließ mich im Dunkeln stehen und entschwand unbeschwert, weil schuldenfrei in ihr Zimmer.
Ähnlich vergeblich nahmen sich meine Versuche aus, unseren Sohn Nick mit Strafen zu disziplinieren. Für diverse Verfehlungen verhängte ich Fernsehverbote, deren Dauer ich wegen ihrer Fruchtlosigkeit bald auf bizarre Weise ausdehnte, bis Nick ungefähr dreißig Jahre lang kein Fernsehen mehr gucken durfte. Mir schwante, dass er diese Strafe nicht ernst nahm, zumal er einfach schaute, wenn ich nicht zuhause war. Also erließ ich ihm 29 Jahre, 364 Tage und 23 Stunden. Dann kam „Phineas und Ferb“, seine Lieblingssendung, bei der ich manchmal mit gucke. Anschließend schaltete ich um auf die Nachrichten. Es war dort von einem älteren Herrn die Rede, der unter Hausarrest gestellt wurde. Dominique Strauss-Kahn. Das fand Nick elektrisierend. Hausarrest machen wir übrigens nicht, denn Nick findet es cool in seinem Zimmer. Er hat dort eine Menge zu tun. Er hatte einmal Hausarrest und teilte mir lapidar mit, er wünsche nicht, dass ich währenddessen bei ihm reinschaute. Ich hätte fürs erste Hausverbot bei ihm. Dass der alte Herr nun nicht raus durfte, um mit seinen Freunden zu spielen oder was immer ältere Männer so den ganzen Tag machen, fand Nick drollig.
„Und was ist, wenn er einfach doch geht?“ fragte er. Ich erklärte ihm, dass Strauss-Kahn eine elektronische Fußfessel trage und die Polizei so immer sehen könne, wo er sich gerade aufhalte. Nick teilte mit, dass er auch so ein Ding haben wolle. Dann würde er mit dem Fahrrad abhauen und wir könnten ihn auf einem Bildschirm orten und verfolgen. Ich versprach ihm, dass wir so etwas demnächst anschaffen. Ich versuchte, ihm die Ernsthaftigkeit der Maßnahme zu erklären, doch Nick bestand darauf, dass so ein Hausarrest eine tolle Sache sei. Hätte er auch gerne.
„Aber das ist doch langweilig“, bemerkte ich. Das fand Nick überhaupt nicht. Er habe dann nämlich endlich mal Zeit, seine ganzen Lego-Objekte noch einmal zu bauen. Seine Raumschiffe, Häuser, Burgen und Fahrzeuge liegen in Millionen von Einzelteilen in einer großen Kiste. Er besitze noch sämtliche Bauanleitungen, führte mein Sohn aus. Dann hielt er einen Moment inne und sagte: „Okay. Das kann natürlich auch der Typ machen.“ Nick fragte, ob wir diesem Franzosen nicht einfach die Legokiste und die Anleitungen schicken könnten. Der hätte ja momentan sonst nichts zu tun.
Das ist eine schöne Vorstellung: Der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds hat Hausarrest und sitzt in New York mit einer Fußfessel am Bein auf dem Wohnzimmerteppich und baut die Spongebob-Ananas meines Sohnes zusammen. Die Adresse stand ja überall. Vielleicht schicken wir testweise ein paar Hundert Teile nach Amerika. Mal sehen, ob was zurückkommt.