Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.06.2011

218_Tonis Extrawurst

Manchmal müssen wir in die Schule, Sara und ich. Dort werden wir für das Verhalten unseres Sohnes gemaßregelt. Einmal lief er im Unterricht durch die Klasse, weil ihm sein Bleistift davongerollt war. Einmal brachte er heimlich Süßigkeiten mit und verteilte sie in der Pause wie ein Drogendealer Gratisproben. Einmal prügelte er sich mit einem Jungen, der ihm sein Skateboard geklaut hatte. Er ist kein Heiliger, er ist ganz einfach: acht. Und manchmal gehen mir diese Erziehungsgespräche auf den Keks. Am liebsten hätten sie in der Schule nur achtjährige Mädchen mit Handarbeitsfimmel. Einmal hieß es, dass die Jungen in leistungsrelevanten Bereichen ihre Energie nicht effizient einsetzten. Ich wies dann darauf hin, dass mein Sohn keine Legehenne sei und auch kein Doppelkernprozessor. Gut: Die Kinder müssen sich natürlich benehmen, aber Kinder sollten sie schon auch noch sein dürfen. Finde ich.
Diesmal ging es um ein Käsebrot, welches Nick seinem Kumpel Fritz an den Kopf geworfen hätte, wie es in roter Schrift in seinem Hausaufgabenheft hieß. Nick behauptete, er habe gar nichts geworfen, das Käsebrot allerdings an Fritzens rechtem Ohr zerschmettert, weil dieser ihm zuvor immer wieder Luft durch einen Strohhalm in sein linkes Ohr gepustet habe. Dinge, die Achtjährige unter sich ausmachen sollten, aber auf mich hört ja niemand. Wir hätten um 14:30 Uhr zu einem Gespräch zu erscheinen.
Mein Schwiegervater Antonio war zu Besuch. Er saß an unserem Esstisch und hörte zu. Dann entschied er: „Dakommi mit.“ Sara versuchte, ihn daran zu hindern. Er hat vor zweiundzwanzig Jahren einmal probiert, beim Elternsprechtag ihren Chemielehrer mit dem Inhalt der Kasse seines Kegelclubs zu bestechen. Aber Antonio hatte bereits die Jacke an. „Da gehi hin und regle der Dingeda.“
In der Schule hockte sich Antonio Marcipane direkt der Lehrerin gegenüber, die an ihrem Pult saß. Sara und ich nahmen hinter ihm Platz. Ich war sehr gespannt. Nachdem Antonio sich vorgestellt hatte, sagte Frau Braunhöfer: „Das ist schön, dass Sie so kurzfristig Zeit hatten.“
„Ware’ Sie einemal im Krieg?“, fragte Antonio. Ich schätze, dass Frau Braunhöfer ungefähr 29 Jahre alt ist. Sie wollte antworten, aber er fuhr fort.
„Wari im Krieg,“ rief er. Gut. Er ist 1944 geboren. Im Krieg. So gesehen hat er nicht Unrecht.
„Habi gesehen viel Leid und schlimme Dingeda. Und Käs am Ohr ist nickte eine davon.“
„Aber wir haben hier klare Regeln für das Miteinander“, zeterte Frau Braunhöfer.
„Habi auch! Maki ein Vorschlag.“ Antonio beugte sich vor und sprach leise mit Nicks Lehrerin. Als er fertig war, stand er auf und gab ihr die Hand. Er sagte feierlich: „Garantieri fur die Einehaltung der Ordnung an diese Schule.“ Frau Braunhöfer entließ uns mit einem verunsicherten Lächeln. Auf dem Schulhof sagte ich zu Antonio: „Du wirst jetzt aber nicht gleich sagen, Du hättest ihr ein Angebot gemacht, dass sie nicht ausschlagen kann oder so etwas.“ Antonio tat empört: „Io? No! Stupido! Habi Einsatz gemacht für Friede und Zusammenarbeit.“ Am nächsten Tag fuhr er wieder nach Hause.
Seitdem hat Nick nichts mehr in der Schule verbrochen. Aber gestern rief Frau Braunhöfer an. Ob ich noch zu meinem Wort stünde. „Was’n für’n Wort?“ fragte ich. Da offenbarte sie, dass der bezaubernde italienische Herr versprochen habe, dass ich der Schule 1000 Biogrillwürste für das Sommerfest stiften würde. Ferner hätte Antonio die persönliche Grillierung der Ware durch meine Person und eine halbe Tonne Senf in Aussicht gestellt, wenn dafür Schluss sei mit den Einträgen im Hausaufgabenheft. Antonio versprach im Gegenzug, dass Nick bis zum Sommer artig sei. Frau Braunhöfer teilte mit, dass sich Nick mustergültig benehme und fragte, ob ich beim Transport des Grillguts Hilfe durch den Hausmeister bräuchte.
Ich machte einen schwachen Versuch, mein Schicksal abzuwenden, aber dann schwante mir, dass mein Sohn sicher auch einen Deal mit Antonio hatte. Warum sonst benahm er sich wie der kleine Lord!? Ich beendete also hastig das Gespräch und suchte Nick, der im Apfelbaum saß und dabei war, ein Eichhörnchen mit Puffreis anzulocken.