Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.06.2011

219_Ich, die Legende

Habe ich schon mal von Dattelmann erzählt? Glaube schon. Ulrich Dattelmann ist Elternsprecher in Nicks Klasse. Er verteilt gerne Aufgaben an andere Eltern und verschickt Mahnungen. Bei Wandertagen schreitet er entweder mit der Gitarre voran oder mit dem Klopapier hinterher. Ich sieze ihn leidenschaftlich, aber er duzt mich, der Ulrich. Ich habe nichts dazu beigetragen, denn ich fürchte mich vor ihm, weil er immer alles kann und weiß. Er ist ein Alptraumvater. Und er spielt Tennis.
Vorgestern unterhielten wir uns kurz vor der Schule und ich sagte blöderweise, dass ich auch mal gespielt habe. Das ist dreißig Jahre her. Ich stamme noch aus der Holzzeit. Damals konnte es passieren, dass einem der Schläger aus der Hand gerissen wurde, wenn der Schlag zu fest war. Die Rackets brachen manchmal. Und die Schlägerfläche war ungefähr vier Mal kleiner als heute.
Ich hörte mit diesem Sport auf, nachdem mein Tennislehrer mich einmal schwer verletzte. Er hatte mich beim Doppel ermahnt, nicht ständig sorgenvoll zu ihm nach hinten zu gucken, wenn er aufschlug. Ich solle stattdessen nach vorne in die gegnerische Hälfte blicken. Ich tat wie mir befohlen, dann donnerte er seinen Aufschlag mit 3000 Kilometern pro Stunde von hinten gegen meinen dritten Halswirbel. Da hatte ich keine Lust mehr.
Das erzählte ich Dattelmann natürlich nicht. Ich sagte nur, dass ich irgendwann aufgehört hätte. „Na, dann kannst Du ja auch irgendwann wieder anfangen. Zum Beispiel Morgen. Wir sehen uns um 17 Uhr auf dem Court.“ Ich habe ja schon erzählt, dass Dattelmann der Chef ist. Man kann mit ihm nicht diskutieren.
Am nächsten Tag suchte ich weiße Sportsachen und zog mich um. Sara fragte, ob sie sich Sorgen machen müsse. „Du siehst aus, als ob Du in eine Sekte eintreten wolltest.“
„Ich gehe mit Ulrich Dattelmann zum Tennis“, sagte ich und genoss das Schweigen, das ich damit auslöste. Sara ist nicht oft sprachlos, das muss man auskosten.
Ulrich brachte mir einen Schläger mit, obwohl ich meine Björn-Borg-Gedächtniskeule tatsächlich noch auf dem Dachboden gefunden hatte. Auf dem Platz stellte sich dann schnell heraus, ich tatsächlich seit dreißig Jahren nicht mehr gespielt hatte. Dies veranlasste Dattelmann, mir ein kleines Match anzubieten, nur so zum Spaß. Einen Satz. Und man kann wirklich nicht mit ihm diskutieren. Schnell stand es 4:0 für Dattelmann, der ohne Gnade vor sich hin schmetterte und bei jedem Punkt die blöde Beckerfaust machte.
Plötzlich gelang mir ein guter Ball, der ihn sehr überraschte und mich noch mehr, zumal ich völlig fertig auf dem Platz herumtorkelte. In diesem Moment fiel mir das letzte Tennisspiel ein, dass ich in meinem Leben vollständig im Fernsehen angeguckt habe: das Achtelfinale der French Open 1989. Damals spielte der stählerne Ivan Lendl als Nummer eins der Weltrangliste gegen einen weithin unbekannten 17jährigen und von Krämpfen geschüttelten Amerikaner namens Michael Chang. Der wankte, aß ungefähr zwölf Kilo Bananen, fiel zwischendurch scheinbar bewusstlos zu Boden. Aber er rappelte sich immer wieder hoch, fast fünf Stunden lang. Schließlich schlug Chang von unten auf. Er spielte hohe kraftlose Kinderbälle und stellte sich bei Aufschlag Lendl mitten ins Feld. Der Tscheche war vollkommen verunsichert und schlug seinerseits zart, um Chang nicht zu verletzen. Am Ende siegte Michael Chang und Lendl stand vor einem Nervenzusammenbruch.
Das ging mir durch den Kopf. An den Rest kann ich mich kaum erinnern, aber Zuschauer des Spiels verneigen sich jetzt vor mir, wenn sie mich beim Bäcker sehen. Ich schlug von unten auf, ich spielte Bogenlampen und bei Seitenwechseln legte ich mich für zwanzig Sekunden auf den Platz, um zu schlafen. Dattelmann kam mehrfach zu mir und bat um Abbruch, aber ich soll geflüstert haben, dass es schon ginge. Ulrich hat dann nicht mehr so fest draufgehauen, ich hingegen schon, mit aller Macht. Er hat dann die Nerven verloren. Am Ende habe ich 6:4 gewonnen, dann fuhr ich nach Hause und schlief zwanzig Stunden.
Es wird keine Revanche geben. Ich will den Mythos nicht zerstören. Und ich kann nicht mehr.