Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.06.2011

220_Essen im Grünen

Gibt es denn überhaupt etwas Romantischeres als ein Picknick? Oh ja! Ich würde sogar sagen, dass die meisten Tätigkeiten romantischer sind als ein Picknick und das schließt Verrichtungen wie mit Zahnseide zwischen den Zähnen herumfummeln, Siphons wechseln und E-10-Tanken ausdrücklich ein. Ich sage das mit dieser Entschiedenheit, weil ich gerade vom Picknick komme.
Die Idee, überhaupt eines zu veranstalten stammte ausgerechnet von mir und hatte mit meinen Schuldgefühlen zu tun. Man macht sich doch ständig Gedanken darüber, ob man auch wirklich genug Zeit mit den Kindern verbringt. Und mit der Frau. Und überhaupt. Ich stand also im Keller und hatte gerade vergessen, was ich dort wollte, da fiel mein Blick auf einen Kasten aus Flechtwerk. Ich nahm das Ding aus dem Regal und schaute hinein, ob vielleicht vergessener Wein oder Golddublonen darin seien. Es handelte sich dann aber um einen noch nie benutzten Picknickkorb, wahrscheinlich eine Aboprämie. Davon haben wir im Laufe der Jahre einige erhalten. Wir besitzen auch noch ein Lerntöpfchen (wenn man reinpinkelt kommt eine Melodie, ich habe es ausprobiert), einen im Betrieb nach Plastik stinkenden Sandwichtoaster und eine Diagnosewaage, auf die ich mich nicht wage.
Der Picknickkorb enthielt alles, was man braucht, wenn man auf einer nassen Wiese tafeln möchte, allerdings kein Essen. Das muss man vorher zubereiten. Ich nahm den Korb mit nach oben und präsentierte meiner Familie das Projekt „Ausflug“: „So, alle mal herhören. Wir machen jetzt ein Picknick.“
Unsere Tochter wollte sofort nicht mitmachen. Ihr sei das zu spießig, erklärte sie. Sie ist in einem Alter, wo man ungern etwas Neues ausprobiert, jedenfalls wenn die Idee dafür von ihrem Vater kommt. Pubertiere sind konservative Geschöpfe, ganz ähnlich wie Zoobewohner. Sie möchten regelmäßig etwas zu Essen, was sie nicht jagen müssen und ansonsten haben sie am liebsten ihre Ruhe. „Warum soll ich zehn Kilometer fahren, um etwas zu Essen, was ich genauso gut in der Küche essen könnte?“ fragte sie und damit hatte sie im Grunde genommen auch Recht. Aber das wollte ich mir nicht anmerken lassen. Und dann fügte sie hinzu, dass sie schon wegen der Ameisen nicht mitwolle.
„Was hast Du denn für ein Problem mit Ameisen?“ fragte ich.
„Die mischen sich immer in alles ein,“ sagte sie und ich fand das einen schönen Satz.
Ich googelte pfiffige Picknick-Rezepte aus Frauenzeitschriften und bereitete allerhand zu, was ich anschließend in den Korb stopfte. Dazu Getränke. Am Ende wog der Korb ungefähr fünfzehn Kilo. Leider passte das doofe Trumm nicht auf mein Fahrrad, was ich natürlich vorher hätte wissen können. Aber wenn ich schon mal die Initiative ergreife, sind mir die Konsequenzen egal. Sara meinte, man könne ja auch mit dem Auto zum Picknick fahren, aber das finde ich konzeptionell noch absurder als mit dem Fahrrad. Wenn man im Auto irgendwo hin fährt, kann man sich gleich ein schönes Lokal mit einem großen Parkplatz suchen und den Picknickkorb zuhause lassen. Gut, es sei denn, man ist Cary Grant, fährt einen Sunbeam Alpine, trägt beim Picknick helle Hosen und hat die Aussicht, an Grace Kellys Hühnerbeinen zu knabbern.
Nick beklagte nun einen platten Reifen, aber ich glaube, Carla hat ihm einfach nur die Luft heraus gelassen. Oder Sara. Sie machte nämlich einen ungemein pragmatischen Vorschlag. Ob man denn nicht einfach mein Picknick im Garten veranstalten könne. Da würde den Wünschen Aller genüge getan und das sei auch bestimmt lustig.
So haben wir das dann gemacht. Zwischendurch konnten wir in die Küche gehen und alles holen, was ich vergessen hatte einzupacken. Als es anfing zu regnen wurden wir nicht nass und eigentlich war es wie immer, weil wir den Tisch und die Stühle mitnahmen. Die Kinder freuten sich sehr darüber, dass sie nach dem Essen ganz schnell wieder zuhause waren. Wir räumten auf und ich habe den Korb dann später wieder in den Keller gebracht. Da steht er gut und ab jetzt für alle Zeiten. Das Picknick war lecker. Aber romantisch – war es nicht.