Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.06.2011

221_Anpfiff zum Märchen

Frauenfußball. Dazu muss man in diesen Tagen unbedingt „ja“ sagen. Das ist eine nationale Pflicht und die Journalisten machen es alle und die Funktionäre vom DFB und Franz Beckenbauer sowie die Sponsoren. Wobei ich mich schon frage, wer da in den nächsten Tagen alles in den Werbeblöcken zwischen den Halbzeiten und Analysen zu sehen sein wird. Vielleicht werden die Bier– und Baumarktspots ausgewechselt und es kommen nur welche für Backmischungen und Damenhygiene und Prosecco-Marken. Ungefähr so: „Die erste Halbzeit von Deutschland gegen Brasilien wird Ihnen präsentiert von Doktor-Oetker-Käsekuchen und Rich Prosecco.“ Glaube ich aber nicht, denn man geht bei den Sendern davon aus, dass am Ende ohnehin wieder nur die Männer gucken, weil die ständig nach Gelegenheiten suchen, ihre Trikots anzuziehen.
Mache ich dann auch und ich freue mich auf die WM. Ich habe sogar schon mal ein ganzes Frauenfußballmatch angesehen. Okay, eine ganze Halbzeit habe ich gesehen. Bei der letzten Weltmeisterschaft war das. Wo wir im Finale gegen diese humorlose Marta gespielt haben. Wobei bereits dieser Satz genau genommen chauvinistisch ist: Von der brasilianischen Superfußballerin erwarte oder erhoffe ich offenbar ein angenehmes Naturell, von Manuel Neuer hingegen eigentlich nicht. Es wird wohl noch mindestens zwei Jahrzehnte dauern, bis wir endlich soweit sind, dass wir die kleinen Unterschiede nicht mehr wahrnehmen, was in Wirklichkeit übrigens eine häufig erprobte Lebenslüge ist. Genau das hat man uns zum Beispiel auch im Hinblick auf ost– und westdeutsche Befindlichkeiten eingeredet und zwanzig Jahre nach der Wende fühlt man sich in Cottbus immer noch furchtbar fremd. Wobei eine Frau natürlich was ganz anderes ist als Cottbus. Die meisten Frauen sind schöner.
Auf jeden Fall hat sich der Frauenfußball sehr verändert, wie man hört. Er sei immer schneller geworden, athletischer, taktischer. Erkennbar weiblich ist das Spiel kaum noch, nur die Körper sind es, die man aber weniger gut sehen kann als die der männlichen Kollegen, weil deren Trikots häufig figurbetonter geschnitten sind, besonders die einiger afrikanischer Mannschaften. Das ganze Nachgedenke über die Frage, ob Fußball ein originär männlicher oder ein unisex-Sport ist, ist aber ohnehin müßig. Frauen interessieren sich nicht für diese Debatte. Sie unterlaufen sie sogar und nennen sich „Spieler.“ Sie rufen „letzter Mann“ auf dem Platz und sie haben einen „Kapitän.“
Unserem Pubertier Carla ist das auch egal. Total egal sogar. Sie interessiert sich nicht für Fußball, egal wer spielt. Einmal hat sie mich ins Stadion begleitet. Es spielte der FC Bayern München gegen die TSG Hoffenheim. In der 70. Minute fragte sie mich: „Und die roten sind jetzt die Bayern, oder was?“ Ich bejahte und fragte sie, ob ihr das nicht selber im Verlauf des Spiels aufgefallen sei. Sie zuckte mit den Schultern und sagte: „ Dauert das noch lange hier?“
Auch Nick ist kein riesiger Fußballfan, möchte aber trotzdem in diesem Sport Karriere machen. Neulich fuhren wir im Auto und er fragte: „Verdient Mario Gomez viel Geld?“
„Oh ja, davon kannst Du ausgehen. Bestimmt sechs Millionen Euro oder so,“ antwortete ich und biss in Gedanken ins Lenkrad, weil ich nur ein mäßig begabter Verteidiger in der Jugendmannschaft des TUS Bösinghoven war und niemals für 30 Millionen den Verein gewechselt habe. Das Schicksal ist eine blöde Kuh. „Willst Du auch Fußballer werden?“ fragte ich hoffnungsvoll.
„Nein, keine Lust. Ich mache was anderes: Ich werde der MANAGER von Mario Gomez!“
„Wie bitte?“
„Als Manager bekomme ich ja was ab und muss dafür aber nicht die ganze Zeit wie ein Idiot bei jedem Wetter auf dem Fußballplatz rumrennen.“
Ich war sehr stolz auf meinen Sohn. Dennoch musste ich ihm mitteilen, dass Mario Gomez bereits von jemandem vertreten wird. Und bis Nick ins Sportmanagement hineingewachsen ist, wird Mario Gomez längst in Fußballrente sein. Ich dachte über den Begriff „Fußballrentner“ nach und biss abermals im Geiste in mein Lenkrad. Dann parkte ich und schleppte Backmischungen, Prosecco und Bier ins Haus.