Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.07.2011

222_Glyziniendialektik

Das Erlernen und Erproben dialektischer Kniffe ist wohl Teil des großen Projektes „Erwachsenwerden.“ Darin eingelagert befinden sich die Nebenprodukte „Nervensägentum“ und „Provokationsbrimborium.“ Man könnte auch wertfreier sagen, dass unsere Tochter in ein Alter gerät, in welchem man gerne diskutiert, und zwar vor allem über Dinge, von denen man keine Ahnung hat, die aber den Eifer anstacheln. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie das bei mir anfing als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war und meinen erstaunten Eltern Vorhaltungen machte, weil sie nicht gegen den Bau eines Golfplatzes demonstrieren wollten. Mein Hauptargument contra Golf bestand darin, dass dieser Sport mir granatenmäßig auf den Keks ging. Meine Eltern hörten sich das geduldig an, unternahmen jedoch nichts gegen den Golfclub. Im Gegenteil: Als dieser fertiggestellt war, wurden sie Mitglieder, wahrscheinlich um mich zu ärgern.
Aber immerhin haben sie mich ausreden lassen. Und so halte ich das auch, wenn Carla mir etwas vormeckert. Sie intrigiert zum Beispiel seit Wochen gegen die Glyzinie, die sich an unserem Haus emporrankt. Sie könne das Ding nicht ausstehen, mosert sie. Es sei blöd, hässlich und sinnlos. Ähnlich wie Stechmücken und Pflaumenkuchen. Bei den Mücken kann ich folgen, aber Backwaren und harmlose Rankpflanzen genießen meine Wertschätzung. Ich mag Carlas Hasspredigten trotzdem irgendwie, außer ich liege draußen im Garten und versuche zu lesen, wie heute Mittag. Ich las das schöne Buch von Arno Geiger über seinen Vater, in dem es auch zwischendurch um Generationenkonflikte geht. Mein wandelnder Konflikt Carla setzte sich neben mich und fing sofort an zu meckern.
„Es ist eine Sauerei, was solche Typen wie Mario Gomez an Geld verdienen.“ Ihr kleiner Bruder hatte ihr erzählt, dass der Bayern-Stürmer sechs Millionen Euro pro Jahr verdiene. Grob geschätzt.
„Was ist denn daran eine Sauerei?“ fragte ich.
„Der Kerl kriegt in einem Monat mehr als eine Krankenschwester in zehn Jahren und er tut absolut nichts für die Menschheit.“
Gut, da zeigen sich gewisse Gerechtigkeitslücken, das ist wohl wahr. Andererseits wird das verdienstvolle Wirken einer Krankenschwester eben auch nicht live im Fernsehen übertragen und es ruft kaum je massenhafte Begeisterung inklusive La Ola hervor. Ich versuchte meinem bockbeinigen Pubertier zu erklären, dass Herr Gomez auf seine Weise viel für die Menschheit tue, besonders für die Fans des FC Bayern München und dass dies doch schön sei. Sie wischte meine Einlassungen beiseite, auch jene, dass Mario Gomez wahrscheinlich viel Geld für sinnvolle Dinge spendet, was ich eigentlich gar nicht weiß, aber hoffe.
„Der ganze Fußball mitsamt Spielern und Stadien und der kompletten Sportartikelindustrie ist sinnlos und grauenhaft“ polterte sie. Das gelte auch für Frauenfußball. Schon der Name: Frauenfußball. Warum nicht Damenfußball? Bei Tennis ginge das schließlich auch. Und bei –Uhren, –Schuhen, –Mode und –Fahrrädern ebenfalls. Carla stellte die These auf, dass angenehme Dinge eine Dame vorangestellt bekämen und die eher schwierigen Themen eine Frau: Frauenhaus, Frauengefängnis, Frauenroman, Frauenfußball. Ich wies sie darauf hin, dass es auch die Frauenrechtlerin gibt und den Frauenarzt und aber keinen Frauen¬–, sehr wohl aber einen Damenbart. Zudem existieren derartige Schieflagen auch in anderen Gruppen, zum Beispiel bei den Studenten. Diese stellen gerne Studierendenzeitungen her, was immer ein bisschen geschwollen klingt und verkaufen diese aber in Studentenkneipen. Das Wort „Studierendenkneipe“ habe ich jedenfalls noch nie gehört.
Es entstand eine Gesprächspause und ich sah wieder in mein Buch. Carla blieb noch eine Minute bei mir sitzen, dann stand sie auf, weil sie spürte, dass ich nicht mehr mitmachte. Im Gehen sagte sie leise: „Die Glyzinie ist echt der Mario Gomez der Kletterpflanzen.“ Das ist Dialektik. Sie wird demnächst dreizehn. Und ich fürchte, es stehen mir noch weitaus schwierigere Diskussionen bevor.