Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.07.2011

223_In Gabis Garage

Diesen Körper hier kann man ja langsam niemandem mehr anbieten. Es handelt sich um einen astreinen Rumsitzbody, dessen Eigentümer sich in einem Dauerhockzustand befindet: am Schreibtisch, in Zügen, Taxis, Hotelzimmern, Garderoben und auf wackligen Stühlchen vor Publikum. Im Sitzen bin ich echt eine absolute Kapazität.
Leider wird diese Könnerschaft kaum gewürdigt, besonders von meiner Gattin, die der Meinung ist, dass ich wenig Grazie verströme, sobald ich einmal nicht sitze. Ich zeigte dann hängende Schultern und einen Schlurfgang wie der Yeti. Sara fand, ich müsse mal zum Yoga. Sie geht einmal die Woche dorthin und sie schlurft kein bisschen, das muss ich zugeben.
Bisher hielt ich Yoga für einen rein postmenopausalen Zeitvertreib, was Sara als Quatsch und Ausrede bezeichnete. „Sting macht auch Yoga,“ behauptete sie.
„Sicher, wenn Sting Yoga macht, dann muss es ja gut sein,“ spottete ich. Sara gab zurück, der Mann werde demnächst 60 und altere wegen ausdauernder Kopfstände auf unverschämt fabelhafte Weise. Das überzeugte mich, auch wenn dieses Kopfgestehe ja Gift für die Haare ist und ich begleitete Sara zu ihrem Yogakurs, welcher in Gabrieles Garage abgehalten wird. Da steht kein Auto mehr drin, seit Gabrieles Ehemann vor vier Jahren geflohen ist.
In der Garage traf ich auf sieben Damen in bequemer Kleidung sowie einen Gips-Buddha, zu dessen Füßen ein Räucherstäbchen sinister vor sich hin kokelte. Gabriele sagte, dass sie mal sehen werde, was man aus mir noch rausholen könne. Den Sonnengruß würde ich sicher hinbekommen. Und den Löwen auch. Soso. Wir legten uns auf bunte Schaumstoffmatten und Gabriele gab Kommandos. Sie sagte, ich solle das linke Bein anwinkeln, das rechte ausstrecken, tief atmen und mich entspannen. Ich versuchte das auch, aber Gabriele spricht schwäbisch und dabei kann man sich nicht entspannen. Ich gab dennoch mein Bestes, schon wegen der anwesenden Damen. Die machen ja immer irgendwie Druck.
Zwischendurch linste ich mal nach rechts und stellte fest, dass Sara sehr beweglich ist. Meine Grenzen waren hingegen früh erreicht. Im Stand die Hände neben den Füßen abzustellen ist mir nicht möglich, weil ich da und dort zu kurze Muckis habe. Ist ja auch klar: Wenn sie nicht ständig gebraucht wird, verkürzt sich die Oberschenkelmuskulatur und man bekommt das Bein nicht mehr gerade in die Luft gestreckt und kriegt nicht mal eine Kerze hin, geschweige denn den Utanpadasana und keinesfalls die Heuschrecke.
Während meine Frau und ihre Kolleginnen damit keine Mühe hatten, purzelte ich beim Versuch, in den gebundenen Lotus zu kommen felsenartig von der Matte. Dabei stieß ich den Buddha um, der ein Ohr verlor und von Gabriele tadelnden Blickes wieder aufgerichtet wurde. Ich entschuldigte mich und wurde zur Stille ermahnt. Ohne Stille kommt man nicht weit, dieses Versagen nennt man Klesha. Als wir den Baum machten – ich schwankte wie bei Windstärke neun – klingelte mein Handy, aber ich ging nicht dran. Keine Zeit, denn ich musste mich entspannen. Das gelang mir leider nicht recht, denn ich fragte mich die ganze Zeit, welcher Depp es 31 Mal klingeln ließ. Ich glaube, das hat meine Mitstreiterinnen auch beschäftigt, denn die guckten mich an, als hätte ich gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen.
Zum Schluss gelang es mir aber immerhin, in der progressiven Muskelentspannung zur Ruhe zu kommen. Ich atmete tief in den Bauch hinein und schloss die Augen. Jede Menge Prana floss durch meine Nadi und das führte mühelos zum Samadhi, wenn Sie verstehen. Sara war stolz auf mich, als wir nach Hause gingen. Ich fühlte mich wie Sting. Aber ich weiß nicht, ob es eine Fortsetzung geben wird, weil sich mehrere Teilnehmerinnen über mich beschwert hätten, wie Gabriele wenig später am Telefon mitteilte. Ich sei nämlich eingepennt und hätte am Ende geschnarcht wie ein betrunkener russischer General. Das ist natürlich Unsinn. Ich habe überhaupt nicht geschnarcht. Das war eine Übung, zu der die meisten Frauen gar nicht fähig sind. Ich nenne sie „Der nepalesische Höllenhund.“ Und wer das nicht hinbekommt, der hat beim Yoga nichts verloren.