Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.07.2011

224_Meine Marderseele

Nachdem ich meiner Frau und ihren Freundinnen versprochen habe, zukünftig demutsvoller und vor allem leiser an ihren Yogastunden teilzunehmen, werde ich dort geduldet. Beim ersten Mal hatte ich durch eindeutiges Fehlverhalten den Unmut der Damen auf mich gezogen. Ich lernte aber schnell, dass man vor der Yogastunde sein Telefon abschaltet und währenddessen Übungen nicht kommentieren soll, auch nicht mit „Himmelarsch, das geht doch gar nicht.“ Inzwischen beherrsche ich Grundlagen der Entspannungstechnik und ich schlafe bei den Atemübungen nicht mehr ein. Dafür wurde mir gerade das zwiespältige Lob der Kursleiterin Gabriele zuteil, ich sei offenbar ein wiedergeborener Dachs.
Lieber wäre mir „Kobra“ gewesen oder „Aal.“ Aber ich bin ein Dachs. Ich denke seit zwei Tagen darüber nach, was Gabi mir damit eigentlich genau mitteilen wollte. Ein Dachs ist ein kurzbeiniges Raubtier aus der Gruppe der Marder und er wird im Märchen Grimbart genannt. Er verfügt laut Wikipedia über einen schlanken Kopf und eine rüsselartige Schnauze und beides ist mir nicht gegeben. Auch ernähre ich mich nicht von Regenwürmern. Sohlengänger bin ich schon, glaube ich jedenfalls. Und womöglich eignet sich mein Haar zur Herstellung von Rasierpinseln. Weitere Parallelen zum Phänotyp eines Erdmarders wollen sich jedoch nicht offenbaren. Ich glaubte bisher, wenn ich über meine Reinkarnation nachdachte, eher, ich sei der Wiedergänger von Petzi, dem kleinen Bären, der so gerne Pfannekuchen isst.
Aber wer weiß schon von sich selber, welche wiedergeborene Seele in einem wohnt. Oder wohin es die eigene zieht. Es kann zum Beispiel leicht passieren, dass man in einem Hund auf die Erde zurückkommt. Und das ist nicht in jedem Winkel der Welt eine erfreuliche Aussicht. Erinnerlich in diesem Zusammenhang ist der Fall eines streunenden Köters, der vor einiger Zeit das Missfallen einiger israelischer Rabbis hervorrief. Diese wollten das Tier steinigen, da sie in ihm die Seele eines verstorbenen Anwalts vermuteten, der sie zwanzig Jahre zuvor beleidigt hatte. Damals hatte man den Juristen dahingehend verflucht, dass seine Seele in einen Hundekörper übergehen möge.
Wenn ich von den Yogafrauen verflucht werde, kehre ich vielleicht als so etwas zurück wie „Sam, der hässlichste Hund der Welt.“ Den gab es wirklich und es handelte sich bei Sam um einen grotesk aussehenden chinesischen Schopfhund, der es mit seinem erschütternden Äußeren bis in amerikanische Talkshows brachte und vor ein paar Jahren von seiner Besitzerin eingeschläfert wurde. Vermutlich ist er in Gestalt eines BMW X6 wieder da.
Dass ein Wesen von Wiedergeburt zu Wiedergeburt immer weniger attraktiv oder interessant wird, ist aber zum Glück selten. Meistens handelt es sich bei der Reinkarnation um eine Art kostenloses Upgrade. In der islamischen Mystik des Sufismus beginnt man seine irdische Existenz beispielsweise als relativ bewegungsarmes Mineral, wird danach zur Pflanze, anschließend zum Tier und letztlich als Mensch wiedergeboren. Danach geht es irgendwie nicht weiter oder aber bergab.
Wenn Seelenwanderungen tatsächlich stattfinden, möchte ich gerne wissen, wessen Seele sich in unserem Hamsterweibchen aufhält. Gimli wiegt ein wenig zu viel, sie hat es gern gemütlich und sie ist für die Ehe nicht recht geeignet, weil sie interessierte Männchen beißt. Ist sie in Wahrheit Liz Taylor? Und wo ist Michael Jackson abgeblieben? Treibt er sich im Körper eines Wildpferdes herum? In einem Singvogel? Lebt er in einem Brokatvorhang? Es wäre schön zu wissen. Noch interessanter ist jedoch, wer oder was unsere Bundeskanzlerin in ihrem letzten Leben war? War sie ein Eichhörnchen? War sie eine Gebrauchsanweisung für eine bulgarische Nähmaschine? War sie ein Schilfrohr, das sich biegsam und elegant wendet wie der Wind es will?
Wir werden es niemals erfahren. Vor Jahren behauptete eine zufällig bei einem Essen kennengelernte Wahrsagerin, ich sei Marketender im dreißigjährigen Krieg gewesen. So ein Quark. Ich bin ein wiedergeborener Dachs. Es gibt Schlimmeres. Immer noch besser als ein Nacktmull, ein Gummibaum oder ein Speckstein.