Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.07.2011

225_Jugend außer Dienst

Stand heute muss mein Sohn nicht zur Bundeswehr. Nick findet das total schade, weil er gerne mit einem Leopard-Panzer rumbrettern würde. Meinem Sohn gefällt die Vorstellung, mit dem Ding in die Schule zu fahren. Und zwar direkt in die Schule. Das Beste am neuen Leopard-Modell 2A7 sei das Kommandantenperiskop, jubelte er. Schon das Wort ist so toll. Vielleicht kann man das Kommandantenperiskop nach dem Beobachten hochschieben wie in einem U-Boot. Das sieht in Filmen immer sehr gut aus. Dazu sagt der Kommandant: „Steuermann, ich habe genug gesehen. Machen Sie die Torpedos klar.“ Herrlich.
Nick bastelte sich aus einem größeren Karton einen Panzer, der keinen Kettenantrieb besitzt. Unten gucken seine nackten Füße heraus, oben das Kommandantenperiskop. Wenn es nach mir geht, bleibt das sein einziger Einsatz in einem Panzer. Ich bin immer noch Pazifist und die Vorstellung, dass Nick eines Tages tatsächlich mit so einem Ding durch eine Wüste gurkt, macht mir angst. Dennoch bin ich für die Wehrpflicht.
Ich kam darauf, als wir zuhause über das Thema diskutierten. Carla möchte das jetzt immer öfter: Mit den Eltern rumsitzen und diskutieren. Also sagte sie, dass sie es gut fände, wenn die Jungs aus ihrer Klasse nicht mehr zur Bundeswehr müssten, da die Zeit des Wehrdienstes eine rausgeschmissene sei. Es halte die Jungen nur davon ab, etwas Sinnvolles zu tun. Studieren zum Beispiel. Ich hörte meiner Tochter zu und irgendwie erzeugte sie Widerwillen in mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich in meiner Rolle quasi zur Opposition verpflichtet bin. Aber es ist auch einfach so, dass mich an der ganzen Diskussion etwas gewaltig stört.
Mit der Abschaffung des Wehrdienstes wurde nämlich auch der Zivildienst eingestellt. Das ist bekannt und es ist auch bekannt, dass der neue Freiwilligendienst nicht läuft. Und das ist überhaupt kein Wunder. Ich denke, diese Misere hat direkt mit unserem schlechten Bildungssystem zu tun. Es stempelt jeden jungen Erwachsenen zum Versager, der sich sozial engagieren und nicht bereits mit Zwanzig promovieren will. Die Kinder müssen heute früh eingeschult und früh ausgeschult werden, um in Windeseile zu studieren, damit sie dem Stellenmarkt möglichst jung zur Verfügung stehen und nicht am Ende zwölfjährige Chinesen sämtliche Schlüsselpositionen der deutschen Wirtschaft besetzen. Deshalb haben die Jungen keine Zeit für einen freiwilligen Dienst zum Wohle der Natur oder der Alten und Kranken. Das ist erbärmlich. Und weil das so erbärmlich ist, sagte ich zu Carla, dass mir der Wehrdienst mit Verweigerungsrecht lieber war.
Warum gibt nach dessen Abschaffung nicht ein Pflichtjahr für jeden Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund, weiblich wie männlich, ob klug oder doof? Ein Jahr, in dem sich jeder und jede aussuchen kann, ob er oder sie zur Bundeswehr geht oder in ein Altenheim, ein Naturschutzgebiet, eine Einrichtung für Behinderte oder ein Jugendprojekt. Was soll daran schlecht sein, wenn jeder für einen kurzen Zeitraum seines Lebens der Allgemeinheit zur Verfügung steht? Warum ist es in unserem Land wichtiger Betriebswirtschaftslehre zu studieren als mit Behinderten spazieren zu fahren? Wieso werden unsere Kinder zu Egoisten erzogen? Es wurde bei der Abschaffung des Wehrdienstes nirgends über diese Fragen öffentlich diskutiert.
Gut, es gab auch blöde Dienststellen. Ein Freund von mir hat achtzehn Monate lang in der Hausmeisterloge eines Pflegeheims gehockt und den Türöffner betätigt. Ein Anderer war bei der Bundeswehr und hat dort im Alleingang mit dem so genannten NATO-Bagger – also einem Klappspaten – die Lüneburger Heide umgegraben. Aber das waren Ausnahmen. Für so ein Pflichtjahr hätte ich noch mindestens zehn Argumente. Carla zuckte mit den Schultern und sagte, das Thema sei durch und ich müsse mich daher nicht aufregen. Außer über Nick, der in ihren Augen ein potentieller Mörder sei. Nick sagte entrüstet, er habe überhaupt nicht die Absicht, in einem Krieg jemanden zu töten, er wolle lediglich mit einem Panzer rumfahren. Er stülpte sich den Karton über und brach dabei sein Kommandantenperiskop am Esstisch ab. Mit ihm wäre kein Krieg zu gewinnen. Das ist doch wenigstens etwas…