Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.08.2011

226_Der Sandalenfluch

In letzter Zeit musste ich mit einiger Verbitterung feststellen, dass mir meine Intoleranz offenbar allmählich abhanden kommt, jene durchaus negative Eigenschaft, aus der sich aber bunte rhetorische Fünkchen schlagen lässt. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Toleranz ist natürlich schön, aber Intoleranz ist auf jeden Fall unterhaltsamer. Und ich mochte meine kleine private Intoleranz, auch weil sie zu nichts Schlimmerem führte als zu grandiosem Selbst-Entertainment.
Bis vor kurzem wurde ich zum Beispiel zuverlässig von gewaltigem Ekel geschüttelt, wenn ich einen Mann in kurzen Hosen sah. Kurze Hosen sind für Sportler und Kinder, meinetwegen für Frauen. Aber doch nicht für erwachsene Männer, dachte ich dann immer. Ein vollkommen würdeloser Aufzug sei das. Diese Montur wird im angebrochenen Jahrzehnt fast zwangsläufig durch Sandalen ergänzt. Ich meine jetzt nicht die nach dicken Bohnen aussehende, die käsedunstige sowie durch jahrelanges Tragen in der Passform fragwürdig optimierte Opasandale aus dem düsteren Opasandalenfachgeschäft. Nein, gar nicht. Noch weitaus entsetzlicher, weil bar jeder ironischen Deutungsmöglichkeit fand ich die moderne amphibische Wandersandale. Die City-Trekking-Outdoor-Sandale mit weich unterschäumter Antistress-Innensohle. Embedded Fußnägel, umschmeichelt vom atmungsaktiven Gummibett. Klettverschlüsse, in denen sich männliche Behaarung verheddert. Profilbesohlung, die nach der Spurensicherung schreit. Bunte Applikationen, Abnäher und Logos, deren Betrachtung zur sofortigen Netzhautablösung führt.
Männer, die so rumliefen, schimpfte ich oft als Hildesheimer Hobbits. Und sie konnten es mir kaum Recht machen, die käsebeinig gummibesohlten Anti-Ästheten. Ich hielt sie meistens für geschieden, denn Frauen zähmen das Fußbekleidungsgrauen meistens, aber wenn sie einmal weg sind, führt wahrscheinlich der erste Weg des Verlassenen ins Schuhgeschäft und in die Arme eines Sandalendealers. Wenn ich ganz viel Glück hatte, trug das Opfer meiner Herablassung auch noch das Handy am Gürtel der kurzen Hose und es hatte sich eine Bauchtasche umgeschnallt sowie einen Rucksack. Drei Mal Donnerwetter, was für eine entsetzliche Aufmachung. Dachte ich.
Doch das ist Vergangenheit. Mir sind derartige Gefühlsaufwallungen seit einiger Zeit fremd. Es ist ganz schlimm. Ich bin, um mich zu überprüfen, sogar absichtlich an Orte gegangen, wo man solchen Menschen begegnet: auf Minigolfplätze, in Eiscafés, in Fußgängerzonen. Und? Ich sehe sie natürlich, doch sie lösen nichts in mir aus. Keine Abscheu, keine Fremdscham, fast das Gegenteil: Kürzlich sah ich einen Liegeradfahrer und erwischte mich bei dem absurden Gedanken, dass es sich bei dem sicher um einen sehr lustigen Zeitgenossen mit einem vergnüglichen Hobby handelte.
Derartige wohlwollende Einschätzungen kommen mir jetzt immer öfter in den Sinn. Beinahe beginne ich den deutschen Schlager und seine Stars zu mögen. Andrea Berg zum Beispiel. Bis vor wenigen Wochen hielt ich sie für eine erotisierte Wollwurst mit Reimzwang, aber nun habe ich noch mal Bilder gegoogelt und entschieden: Eine ganz normale Frau ist das. Und wenn ich die Musik nicht mag, höre ich eben was anderes.
Und es wird noch schlimmer. Am Wochenende betrachtete ich lange ein Foto von unserem Außenminister. Es zeigte diesen bei der ihn offenbar ängstigenden Berührung einer Schlange, welche ihm von einem folkloristisch gekleideten Herrn gereicht wird. Und ich dachte: Der Guido Westerwelle ist irgendwie auch nur ein Mensch.
Was ist da bloß los? Gut, es kann natürlich sein, dass ich ganz einfach altersmilde werde. Die Anderen sind nicht so wichtig, das große Ganze ist entscheidend und der Fortbestand der Welt hängt nicht von drolligen Sandalen oder Andrea Berg ab. Nichts kann meine gute Laune eintrüben, gar nichts. Ich stehe also an der Schwelle zur Weisheit. Das wird es sein. Oder ich brauche endlich mal Urlaub. Nach den Ferien hat sich das alles hoffentlich wieder eingerenkt.