Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.08.2011

227_Diplomatischer Kinderkorps

Das Zusammenleben mit Kindern gestaltet sich oft schön, aber fast immer anstrengend. Geradezu bezaubernd ist es, wenn man Zeuge der Bewusstwerdung kleiner Lebensdetails wird. So überraschte mich unsere Tochter Carla gestern mit einer Erleuchtung zum Thema Mulch. In ihrem zwölf Jahre alten Gehirn hatten sich diesbezüglich zwei Synapsen geisterhaft, aber erfolgreich und für immer miteinander verbunden. Sie sagte: „Mir ist soeben etwas klar geworden.“
„Und was?“ fragte ich mittelmäßig interessiert, weil ich damit beschäftigt war, sechs Eier zu trennen und das fordert den ganzen Mann. Ich befinde mich auf dem kognitiven Niveau eines Cockerspaniels, glaube ich.
„Es heißt gar nicht Rindermulch, sondern Rindenmulch.“ Mir fiel ein Dotter ins Eiweiß.
„Das Zeug wird nämlich nicht aus Rindern hergestellt, sondern aus Rinden.“
Ihre kleinen Naschereien vom Baum der Erkenntnis erfreuen mich, zumal ich selbst bis heute Opfer meiner extrem langen Leitung bin. Erst mit Mitte zwanzig habe ich beispielsweise begriffen, dass ein Zen-Kämpfer und ein Zehnkämpfer keineswegs dasselbe tun. Carla ist in diesen Dingen viel schneller.
Nun zu den anstrengenden Momenten. Man führt Diskussionen, deren Verlauf man kaum vorhersehen kann und die sich manchmal zu apokalyptischen Stellungskriegen hochschaukeln. Zum Beispiel neulich. Langes Gespräch mit Nick. Er ist noch acht und er weiß eine Menge, allerdings nichts über Diplomatie. Das wäre auch nicht nötig, wenn er einfach hier und da auf seinen alten Vater hören würde.
Letzte Woche erwachte er also mit einem glasigen Auge, welches er auch nicht recht öffnen konnte. Er sah ein bisschen aus wie Thilo Sarrazin, bekam Tropfen gegen Bindehautentzündung und musste nicht in die Schule.
Gegen halb zehn war ihm langweilig. Er tauchte mit seinem Triefauge im Kopf und seinem Skateboard unter dem Arm in meinem Büro auf, um sich abzumelden.
„Ich gehe Skateboard fahren.“
„Aha. Und wo?“
„Vor der Schule.“
Ich erklärte ihm, dass das keine gute Idee sei. Da war er anderer Meinung. Dort könne man nämlich am besten fahren. Ich sagte, dass er nicht zuerst nicht in die Schule gehen und anschließend direkt vor der Schule während des Unterrichts herumkarriolen könne. Das würde etwas seltsam aussehen, erst Recht mit diesem Auge übrigens. Nick sah das nicht ein. Ich bin ein Gegner sturer Autorität, aber nach einer Viertelstunde verfügte ich, dass er zuhause bleiben solle und damit basta. Tut mir leid. Manchmal muss man durchregieren. Mit ruhiger Hand. Nick war sauer und bezichtigte mich, sein Leben zu zerstören. Dann verließ er empört den Raum.
Eine Stunde später ging ich in die Küche, um Espresso zu machen. Alle Schubladen standen offen und sämtliche Messer waren verschwunden. Ich fand unseren Sohn im Garten, wo er im Gras saß. Die Messer steckten wie Bratenspieße um ihn herum im Rasen.
„Und was wird das?“ fragte ich ihn.
Er antwortete, dass es sich um eine Versuchsanordnung handele. Er wolle ausprobieren, mit welchem Messer er und sein Kumpel Fritz am besten ihre Blutsbrüderschaft besiegeln könnten. Nick behauptete, dass man sich dabei gegenseitig den Bauch aufschlitze, um sich dann aneinander zu drücken. Er habe allerdings Angst, dass diese Sache wehtun könne. Ich erklärte ihm, dass es völlig ausreiche, sich die Oberseite der Unterarme vorsichtig anzuritzen und aufeinander zu legen. Und bei achtjährigen Blutsbrüdern würde es sogar ein Stich mit der Nähnadel in den Daumen tun. Er hörte nachdenklich zu und sagte, er werde es sich überlegen.
Er hat dann schließlich einmal auf mich gehört. Fritz und er wurden Blutsbrüder und niemand kam dabei zu schaden. Das Leben mit Kindern ist wundervoll.