Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.08.2011

228_Der Seidel-Sommer

Dieser Sommer ist nicht mehr zu retten. Selbst für den Fall, dass es jetzt gerade schön sein sollte: Dieser Sommer war nix. Der letzte Sommer war auch schon nix und der davor war so mittelnix. Ich bin mal gespannt, wann die Medien endlich aufwachen und sich dieses Skandals annehmen. Ich warte dringend auf eine Stern-Titelgeschichte. Vorne drauf steht dann ganz bestimmt: „Sommer. Abstieg einer Jahreszeit.“ Ganz anders der Spiegel. Der titelt bei der Sache eher so: „Akte August. Wie Hitler das Klima veränderte.“ Und auch Focus nimmt sich des Themas an. Die Zeile des zuletzt wieder nutzwertigeren Heftes lautet: „Die 100 besten Museen Deutschlands (mit Faxabruf).“
Für mich ist der Sommer auf jeden Fall erledigt und folgerichtig soeben von Platz vier auf Platz eins gerutscht, und zwar in meiner Liste der überbewertetsten Jahreszeiten. Bis vor einer Woche wurde diese Aufstellung noch vom Frühling angeführt, aber nun steht da diese Zeit zwischen ungefähr Pfingsten und circa Herbstferien, deren Namen ich nicht mehr nenne, weil das Hohn wäre gegenüber den zuverlässig matschigen und graupeligen und ungemütlichen, sich also nach Kräften um ihr schlechtes Image mühenden Jahreszeiten, die einen fast nie im Stich lassen. Ich kenne überhaupt nur einen Menschen, der gerade seine Freude hat. Und das ist der Herr Seidel. Wer das ist? Das kommt jetzt.
Seit einigen Monaten wird meine Arbeit von einem Orchester begleitet. Immer, wenn ich den Rechner und die Gedanken hochfahre und daran gehe, klappernd Wort an Wort zu reihen, hebt ein stumpfes Hämmern an. Manchmal ist es auch ein Rütteln, ein Knirschen, ein Stampfen oder ein Baggern, welches immer von heftigem Dieselmotorgebrüll unterstützt wird. Die ersten Wochen nahm ich es einfach zur Kenntnis, zumal ich die Ursache des Radaus nicht sehen konnte, wenn ich aus dem Fenster sah. Ich ahnte nur, dass hinter den Büschen und Bäumen und dem Nachbargrundstück allerhand Erde und Kies bewegt wurde. Natürlich macht man sich seine Gedanken, wenn das gar nicht weniger wird. Ich nahm an, dass dort ein Bataillon von Nervensägen morgens mit dem Bus ankommt, um dann acht Stunden lang ohne Ziel und Zweck vor sich hin zu toben und anschließend wieder zu verschwinden. So ähnlich wie in dem Märchen vom Gespensterschiff, bloß ohne Schiff. Und ohne Gespenster.
Wochenlang zitterten das Haus, das Büro, der Schreibtisch und ich wie Wackelpudding, sobald die Arbeiter ihre grässlichen Maschinen in Gang setzten. Die ganze Gegend vibrierte beinahe unanständig. Ich fragte einen Nachbarn, ob er wüsste, was hinter der Hecke vor sich ging. Er erzählte mir, dass die Gemeinde dort einen Schotterweg in eine normale Straße umbauen ließe. Es würde dort auch ein Wendeplatz gefertigt und ein Kanalanschluss und alles, was man für Zivilisation so brauche. Ich schätzte, wie lange der Bau einer fünfzig Meter langen Straße wohl dauern könnte und als meine Annahme um das doppelte an Wochen übertroffen war, ging ich mal hin, um mit dem Chef zu sprechen.
Am Ende der kurzen, aber längst nicht fertiggestellten Straße sah ich Baumaschinen und lief darauf zu. Hinter einem riesigen Bagger entdeckte ich einen einzelnen Herrn, der versonnen ein Butterbrot aß. Ich fragte ihn, wo denn sein Chef und wo denn seine Kollegen seien und er sagte: „Hier gibt es keine Kollegen und keinen Chef. Nur mich gibt es hier.“ Er lächelte leicht lückenhaft.
Das ist der Herr Seidel. Er baut diese Straße ganz alleine. Seit Wochen. Die anderen aus seiner Firma sind auf einer Großbaustelle und unabkömmlich. Herr Seidel bedient sämtliche Geräte und wenn es regnet macht er Pause. Und es regnet oft. Sehr oft. Ich fragte ihn, ob er nicht einsam sei auf seiner Baustelle. Er entgegnete, dass es ihm Recht sei auf diese Weise. Da fiele das schöne Ergebnis alleine auf ihn zurück. Es hörte auf zu regnen und er sagte, dass er nun mal wieder müsse. Dann drehte er den Zündschlüssel um und startete ein gelbes Monster. Durch den Maschinenlärm hindurch brüllte er mir zu: „Da habe ich endlich mal meine Ruhe bei der Arbeit.“ Der hat’s gut, der Seidel.