Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.08.2011

229_Abfahrt Punkt Fünf

Nachdem wir ungefähr zwanzig Mal nach Italien zu den Verwandten meiner Frau gefahren sind, weiß ich langsam, wie das geht. Ich bin ein Ein-Mann-Logistik-Unternehmen, ein Paganini des Stauraums, ein menschlicher Bordcomputer und ich kann sämtliche Ausfahrten von München bis Rom auswendig.
Gut. Zugegeben, ich plane unsere Abfahrt minutiös. Für Italiener (mein Schwiegervater), Halbitaliener (meine Frau) und sogar für Viertelitaliener (meine Kinder) entsteht der Eindruck, es stünde der Abflug einer Marsmission bevor. Schon die Startzeit auszuknobeln ist eine Wissenschaft für sich. Um dem schon mythenhaften Stau bei Bologna zu entgehen muss man um fünf Uhr morgens im Auto sitzen, dann erreicht man die Abzweigung Richtung Rom gegen acht Uhr und da ist noch nicht so viel los. Startet man eine Stunde früher, kann man sich zwischendurch eine Pause in Rovereto leisten, dort ein Käffchen trinken und Fernfahrern bei ihrer Notdurft zusehen. Doch Achtung: Wenn man noch früher, also gegen drei Uhr morgens aufbricht, steckt man bei Innsbruck im Verkehr fest, weil man auf die zahlreichen Familienväter aus Nordrhein-Westfalen trifft, die es für angebracht hielten, gegen zwanzig Uhr abends in Kamp-Lintfort zu starten.
Für derartig ausgefuchste Überlegungen sind meine Halb– und Viertelitaliener kaum entflammbar. Carla stellte fest, ich sei voll unlocker und außerdem nannte sie es krass, dass ich unser Auto die ganze Nacht vollgepackt vor dem Haus stehen ließ. Das würde gar nicht zu einem Sicherheitsfreak wie mir passen. Das fand mein Schwiegervater Antonio auch. Er glotzte durch die Scheibe und sagte: „Iste viele schöne Dingedrin.“
Wir fahren seit Jahren im Convoi, jedenfalls fast. Antonio und seine Frau Ursula kommen zu uns, wir packen und fahren. Ich starte nachts und fahre schon mal vor. Er tuckert los, sobald er ausgeschlafen und alles beisammen hat. Also gegen Mittag. Ihm egal. Nach seiner Auffassung steht er später auch nicht im Stau, sondern die Anderen. Das sei eine Frage der Perspektive, sagt er immer. Er fühle sich ja nicht eingeschränkt, von einem Stau könne also bei ihm nicht die Rede sein, eher von einer Art Aufenthalt.
Ich packte bis 22 Uhr, dann legte ich mich ins Bett und konnte nicht schlafen, weil es dafür zu früh war. Gegen halb eins sank ich in eine Art Ohnmacht, aus der ich Punkt vier Uhr hochschreckte. Ich sprang in die vorbereitete Hose, weckte die Kinder und meine Frau. Ich verbreitete schlechte Abfahrstimmung, weil ich mich weigerte Nicks Hamsterin mitzunehmen und gegen fünf Uhr verließ ich unser Haus, um das Auto schon mal vorzufahren. Die Sonne wollte schon aufgehen, erste Vögel tschilpten in den noch feuchten Zweiglein der Obstbäume.
Das Auto war weg.
Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn einem bewusst wird, dass soeben sämtliche Klamotten, dazu Reisepapiere, Geld, Kreditkarten, Telefone sowie ein nicht unflottes Familienauto verschwunden und nicht wie geplant Richtung Süden, sondern mutmaßlich Richtung Osten unterwegs sind. Die Erkenntnis und die Scham, nicht auf die halbwüchsige Tochter gehört zu haben schlägt wie ein Blitz im vorderen Stirnlappen ein und sickert dann zügig durch den ganzen Körper in die Knie. Dann muss man sich erst mal setzen.
Sara, Nick und Carla erschienen in Reisestimmung mit ihrem Proviant auf der Straße. Ich teilte ihnen so gefasst wie möglich mit, dass die SCHEISSKARRE GEKLAUT sei und brach dabei fast in Tränen aus. Sara nahm mir kopfschüttelnd den Schlüssel weg und ging um die Ecke, wo sie unser Auto geparkt hatte. Nachdem ich ins Bett gegangen war, musste sie gestern noch mal los, zwei Sommerkleidchen bei Freundin Claudia ausleihen. Auf dem Rückweg war der Parkplatz von vorher besetzt, also hatte sie das Auto um die Ecke abgestellt.
Zehn Stunden und einen Stau bei Bologna später trafen wir bei Saras Familie ein. Antonio Marcipane folgte am Abend. Quietschvergnügt und völlig entspannt. Ich möchte mal wissen, wofür der Bursche überhaupt in den Urlaub fährt.