Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.08.2011

230_Urlaubsabendvergnügungen

Wenn wir zu Saras Familie nach Italien fahren, brauche ich drei Tage bis ich mich zwischen ihren Cousins und Cousinen, Neffen und Nichten, Onkel und Tanten und mehr oder weniger verwandten Omis, Opis und Nachbarn eingegroovt habe. Dabei gelte ich immer noch als „der komische Deutsche.“ Gegen „deutsch“ habe ich nichts, gegen „komisch“ kann ich mich nicht wehren. Eigentlich finde ich es sogar lustig, dass sie mich seltsam finden. Ich trage auch Einiges dazu bei. Zum Beispiel liebe ich es, den Frauen in der Küche zu helfen. Ich drängele mich zwischen sie und spüle. Oder ich decke den Tisch. Sämtliche Versuche der Damen, mich aus dem Geschäft zu drängen, blocke ich ab.
Das finden Saras männliche Verwandte seltsam, wenn nicht sogar verdächtig, denn ein italienischer Mann würde eher die Hupe aus seinem Fiat ausbauen als in der Küche zu helfen. Sie haben zuletzt offen darüber diskutiert, ob ich schwul sei, aber dagegen sprechen Ehe und Kinder. „Das will nichts heißen“ raunt man dann gerne. Auch in Italien.
Was ihnen zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass ihre Frauen mein Verhalten schätzen. Gestern sagte Giulia zu Cousin Marco (er ist der Sohn von Saras Onkel Egidio und seiner Frau Maria. Maria kocht gut und reichlich. Sehr reichlich), dass die italienischen Männer Dinosaurier seien und wenn sie es sich noch einmal aussuchen könnte, würde sie einen Deutschen nehmen. Da war Marco sauer. Ich stand mit einem Desserttellerchen vor der Spüle, trocknete ab und verstand kein Wort. Blöderweise lächelte ich Marco die ganze Zeit an und hörte erst damit auf, als meine Frau mir zuraunte, ich solle nicht so doof glotzen, sonst würde ich noch heute an einen Auspuff gebunden und bis Bari geschleift.
Aber Emanzipation ist zurzeit nicht das größte Thema in unserer Familie. Viel wichtiger: Die asiatische Tigermücke. Es handelt sich dabei um einen winzigen, aber enorm blutdurstigen Flugegel, den man viel schwerer erwischt als die lahme deutsche Mücke. Die blöden Tigerbiester sind in Italien inzwischen ähnlich verbreitet wie gefälschte Prada-Sonnenbrillen und es gefällt ihnen so gut in diesem Land, dass sie ständig Nachkommen zeugen. Ein Fall für Thilo Sarrazin, würde ich sagen.
Onkel Rafaele behauptet, die asiatische Tigermücke sei von japanischen oder chinesischen Touristen absichtlich über Florenz oder Rom oder Venedig eingeschleppt worden, um die italienische Wirtschaft zu schwächen. Und seit vorgestern ist die asiatische Tigermücke auch Schuld an Onkel Egidios Gehirnerschütterung. Und das kam so.
Wir spielten nach dem Abendessen Boccia. Das machen die Italiener gerne. Die Frauen dürfen nicht mitmachen, weil sie erstens noch abtrocknen müssen und zweitens nach vorherrschender Meinung nicht werfen können. Ich bildete eine Mannschaft mit Antonio und Marco und warf eher zufällig ganz dicht an den Pallino, also die Zielkugel. Onkel Rafaele gelang dasselbe und Egidio machte sich daran, genau zu messen, wer näher am Pallino lag. Er benutzte dafür ein kleines Maßband, welches er seit vierzig Jahren für derartige Zweifelsfälle dabei hat. Während er auf allen Vieren mit schwankendem Hinterteil auf dem Spielfeld herumkroch, machte sich mein Schwiegervater Antonio für seinen Wurf bereit. Antonio behauptet, er habe plötzlich etwas im Nacken gespürt, so ein asiatisches Stechen und Saugen. Jedenfalls habe er mit der linken Hand auf seine rechte Schulter geschlagen und dabei unbewusst die Kugel aus der rechten Hand gleiten lassen, sie sei ihm gewissermaßen vom ausgestreckten Arm gefallen. Von dort sei sie Richtung Pallino geflogen, ein ausgezeichneter Wurf eigentlich. Und schließlich sei die Kugel an Onkel Egidios rechter Schläfe beinahe zerbrochen, man könne froh sein, dass die Kugel den Aufprall überstanden habe.
Onkel Egidio fiel seitlich um und in Ohnmacht. Seine Nase lag dann am dichtesten beim Pallino. Marco hat nachgemessen und Egidio zum Sieger erklärt, auch wenn Antonio darauf bestand, seinen Wurf noch einmal wiederholen zu dürfen, weil Egidio im Weg gewesen sei. Egidio selbst konnte sich später an nichts erinnern, findet aber, dass ich Talent zum Boccia habe. Für einen Deutschen gar nicht schlecht, sagte er für den Rest des Abends immer wieder.