Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.09.2011

232_Ab nach Hause

Seit Jahren quält mich zum Ende der Ferien die Angst, nach Hause zu kommen und alles ist dort ganz anders als bei meiner Abreise. Das wäre mal ein schönes Thema für einen Film. Der fängt ungefähr so an: Eine glückliche Familie kehrt aus dem Urlaub zurück, trägt die Koffer zum Haus und freut sich auf die abgestandene Luft, die darin herumfliegt. Aber dann passt der Schlüssel nicht ins Schloss. Plötzlich öffnet ein fremder Mann und blickt den Familienvater verwundert an. Die beiden sehen sich ziemlich ähnlich. Der Vater fragt, was der Mann in seinem Haus zu suchen hätte und dieser entgegnet scharf, dass er dort seit neun Jahren mit seiner Familie wohne. Um seine Behauptung zu untermauern ruft er über die Schulter nach Frau und Kindern. Die kommen und sehen denjenigen vor der Tür verteufelt ähnlich.
Könnte ein guter Film werden. Alternativ dazu stelle ich mir oft vor, dass unser Haus weg ist. Oder, dass wir daheim ankommen und es war überhaupt nie ein Haus dort und mein ganzes Leben ist nur der Tagtraum eines Grashüpfers aus Luckenwalde. Entsetzlich.
Ich erzählte Antonio am letzten Abend unserer gemeinsamen Ferien davon und er zeigte mir den Vogel. „I glaube, meine liebe Jung, braukste dringende Urlaub.“ Ich trank von meinem Bier und wir sahen schweigend zu den Frauen hinüber, die die schweren Koffer durchs Haus trugen. Eigentlich verrückt, dass die Frauen immer so schwer heben. Aber bitte, wenn sie unbedingt wollen!? Nach drei Wochen zwischen Italienern zeitige ich immer gewisse Anpassungseffekte, die meiner Frau gar nicht gefallen. Sie hält nicht viel von italienischen Männern und daher betrachtete sie das Werben eines gewissen Lorenzo um unser zwölfjähriges Pubertier Carla auch mit größtem Misstrauen.
Ich kann Lorenzo gut leiden. Er ist fünfzehn Jahre alt, er ist höflich und er sieht aus wie der amerikanische Musiker Prince in seinen Hey-Days Ende der achtziger Jahre. Lorenzo trägt auch so einen zarten Oberlippenbartflaum, aber zum Glück keine Schuhe mit hohen Absätzen. Über seine Singstimme ließ sich bisher nichts in Erfahrung bringen. Er spielt ausgezeichnet Fußball und fährt ein Mofa. Damit hat er unsere Tochter wochenlang vom Strand zur Eisbude und vom Corso nach Hause gegurkt. Es hat sich zwischendurch ganz sicher nichts Unaussprechliches abgespielt, weil die Beiden unter der ständigen Beobachtung von Nichten, Neffen, Onkels und Tanten beider Familien standen. Eine italienische Sippschaft ist immer auch – und zu gleichen Teilen – Stasi, FBI, KGB sowie heilige Inquisition. Man muss sich wirklich keine Sorgen machen.
Nachdem die Damen des Hauses sämtliche Koffer vor dem Haus abgestellt hatten, machten Antonio und ich uns daran, die Autos damit zu beschicken. Ich merke, dass ich mich gut erholt habe, wenn ich die Gepäckstücke ohne jedes System einfach in die Karre stopfe. Als ich damit fertig war, kam Lorenzo mit unserem Kind angeknattert. Es folgte ein langer und dramatischer Abschied. Carla versicherte in einwandfreiem italienisch, dass sie zukünftig nicht ohne Lorenzo würde leben können. Lorenzo kündigte seine Selbstentleibung für den Fall an, dass sie ihn vergesse.
Wir starteten im Morgengrauen und ich dachte stundenlang über meine eigenen stets traurig geendeten Ferienromanzen nach. An einem Autogrill bei Florenz legten wir eine Pause ein und ich fühlte mich bemüßigt, ein guter Vater zu sein. Also schritt ich zu unserer Tochter und sprach mit bewegter Stimme: „Das ist wirklich traurig mit Lorenzo. Gut: Ihr könnt skypen oder in Facebook befreundet sein. Oder so. Aber das ist natürlich nicht dasselbe. Weißt Du, es tut mir wirklich weh. “
Unser Pubertier sah mich mitleidig an und antwortete: „Papa. Das war am Ende nur ein kleiner Urlaubsflirt. Jetzt nimm es nicht so schwer. Das geht schon wieder vorbei, wenn wir wieder zuhause sind.“
Ja. Wenn wir zuhause sind, ist alles wieder wie immer. Vorausgesetzt unser Zuhause ist noch da.