Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.09.2011

233_Ich gucke Taubort

Manchmal habe ich den unangenehmen Eindruck, dass meine Hörfähigkeit abnimmt. In der Regel überkommt mich diese Wahrnehmung sonntags ab 20.15 Uhr. Ab da höre ich eindeutig schlechter als sonst. „Hä?“ rufe ich dann minütlich. Oder: „Was hat der Typ gesagt?“ Oder: “Hey, ich bin raus aus der Sache. Ich verstehe kein Wort.“ Wenn ich so etwas äußere, läuft „Tatort“ in der Glotze. Oder „Polizeiruf.“ Eigentlich egal. In deutschen Fernsehspielen verstehe ich nur Bahnhof. Hä? Was?
Neulich kam ein Film von Dominik Graf und ich habe so gut wie gar nichts kapiert. Die beiden einzigen Schauspieler, die ich einwandfrei verstehen konnte, waren Matthias Brandt und Doris Kunstmann. Alle anderen Ensemblemitglieder nuschelten wie steinalte Vampirdarsteller, besonders die jüngeren. Ich muss annehmen, dass eine neue Generation von Schauspielern davon ausgeht, Nuscheln sei irgendwie cool oder nah an der Wirklichkeit. Vielleicht lernen sie das auf der Schauspielschule. Ich stelle mir vor, dass dort die Verwendung von Vokalen unter Strafe steht und so lange an der Aussprache gebimst wird, bis die Texte fast nur noch aus Konsonanten bestehen. Der deutsche Schauspieler sagt also bei Samuel Beckett: „Wr llewrdn vrckt geborn. Nge blbn’s.“ „Hä?“ „Was?“
Diesem Sprechverhalten liegt offenbar das kolossale Missverständnis zugrunde, dass Unverständlichkeit besonders authentisch rüberkommt. Das ist Unsinn. Die wenigsten Menschen nuscheln, sie reden nur nicht grammatikalisch korrekt. Der Unterschied zwischen gesprochener Sprache und geschriebener Sprache ist im Deutschen einfach sehr groß. Drehbuchautoren begreifen das aber nicht. Sie schreiben alle Dialoge in überkorrekter Syntax, sodass der Platzwart in einem Ludwigshafener „Tatort“ klingt wie ein Hochschullehrer aus Braunschweig. Um dieses Credibility-Manko auszugleichen, sprechen die Schauspieler möglichst unscharf, verschleifen sämtliche Endungen und werden bis zur Satzmitte so leise als stürben sie an Entkräftung. Weltmeister in dieser Disziplin ist Götz George, der auch öfter in Filmen von Dominik Graf mitspielte. George besitzt aber immerhin so viel Kraft, dass selbst die weggehuscheltsten Textpassagen bei ihm zumindest erahnbar bleiben.
Im Polizeiruf neulich (und nicht nur dort) machte ich den Fernseher immer lauter. Als nach der Sendung ein Werbetrailer kam, fiel mir folgerichtig das rechte Ohr ab. Man würde ja gerne mal Mäuschen spielen bei den Dreharbeiten zu so einem Film. Da sitzt Dominik Graf womöglich mit einem Kopfhörer im Regiestuhl und lässt die Schauspieler spielen. Nach ein paar Sätzen winkt er ab und ruft: „Kinder, nein. So geht das nicht. Jetzt waren wieder drei Sätze hintereinander völlig verständlich. Also noch mal. Und bitte merken: Wenn der Zuschauer uns versteht, haben wir versagt.“
Ein Fachmann vom Film hat mir erklärt, dass die Unverständlichkeit moderner Produktionen auch der Tonmischung geschuldet sei. Es würden viele Filme für den Einsatz im Kino oder wenigstens fürs Heimkino gemischt und dabei legt man großen Wert auf Effekte. Bereits das Entzünden eines Streichholzes links vorne im Bild kommt deshalb akustisch inzwischen einer mittelschweren Gasexplosion gleich. Ein gutes Lautsprechersystem bringt später sowohl das Streichholz als auch eine gleichzeitig flüsternde Frauenstimme gut zur Geltung, weil sie über verschiedene Lautsprecher ans Ohr gesendet werden. Unser Fernseher hat aber nur einen Lautsprecher und da muss alles durch: Straßenlärm, Musik, Wind, Polizeisprechfunk sowie Dialoge. Und die bleiben meistens auf der Strecke.
Aber eigentlich ist das egal. Man weiß beim „Tatort“ ohnehin nach spätestens 45 Minuten wer der Mörder ist. Dafür gibt es zwei Indizien. Nummer eins: Der Mörder wird von einem bekannten Schauspieler gespielt. Schließlich hat dieser mehr Drehtage als andere Nebendarsteller und er macht nur mit, wenn seine Rolle auch wichtig ist. Indiz Nummer zwei: Der Mörder wird immer in der ersten Hälfte des Films eingeführt. Alle Figuren, die erst nach 21 Uhr auftauchen, sind aus dem Schneider. Wer diese Regeln anwendet, muss nichts verstehen. Es ist im Grunde also völlig wurscht, was die reden.