Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.09.2011

234_FDP-Das Musical

Brandheiße Nachricht aus der Showbranche: Es gibt Pläne für ein neues Musical. Diese Darreichungsform des Dramas bietet alles, was Bustouristen und Unternehmergattinen am Theater besonders schätzen, nämlich muskulöse Tänzer, zauberhafte Melodien, hier und dort eine kleine Explosion und vor allem Komik. Wenn auch meistens unfreiwillige Komik. Bei so viel Potential ist es nur eine Frage der Zeit, wann das Drama der FDP seinen Weg auf eine deutsche Musicalbühne findet.
Hier die Handlung: Zu Beginn sehen wir rechts einen Balkon und darunter unglückliche Kommunisten, die nicht wissen, wohin mit sich, bis ein Herr auf den Balkon tritt und ein Lied singt: „Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen.“ Während des Liedes öffnet sich der Himmel, es wird hell und es folgt ein Song über die Freiheit. Liberale Tänzer schweben an Fallschirmen auf die Bühne und schubsen die grauen Kommunisten in die Kulisse. Das macht Laune.
Als nächstes fährt ein Käfer-Cabrio bis an die Rampe. Don Guido steigt aus. „Ich will auf den Balkon“, singt er kämpferisch. Aber daraus wird zunächst nichts, denn Kinkel ist vor ihm zur Stelle. Später muss Don Guido auch noch gewärtigen, dass ein einfacher Fischer vor der Uno spricht. Kurz vor der frühen Verbitterung („Ich kann es nicht fassen, noch kann ich’s ertragen“) erscheint Engela. Sie rät zur Geduld. Sie kenne seine Gefühle. Doch erst müssten die Alten aus dem Weg geräumt werden, das mache sie auch so. „Geduld,“ singt sie, „ist das Gebot der Stuhunde.“ Plötzlich verwandelt sich die Spelunke, in der die beiden sitzen, in eine Großdiskothek brandenburgischen Zuschnitts. Guido – nun hochmotiviert von Engelas Worten und vom Prosecco aufgepeitscht – singt mit dem Chor der Jungen Liberalen den Technosong „Projekt 18.“ Dann ist Pause.
Zu Beginn des zweiten Teils steht ein Baum auf dem Marktplatz von Neuruppin und singt. Plötzlich erscheint das Guidomobil und fährt den Baum um, der von Hildegard Hamm-Brücher und Walter Scheel weggetragen wird. Während Guido mit Silvana Koch-Mehrin „Niemand kann mich jetzt noch stoppen“ singt, verjagen die auf Krawall gebürsteten Niebel und Lindner den Altvorderen Gerhardt vom Marktplatz.
Wahl um Wahl wird gewonnen und dann erklimmt Guido schließlich den Balkon. Das Ziel seiner Träume ist erreicht. In einer mitreißenden Tanzszene dirigiert er fröhlich Hoteliers und Deregulierungsgroupies. Selbstvergessen feiern freie Demokraten und übersehen dabei den Zeitgeist, der in Gestalt des weißgekleideten Lord Lambsdorff zur Besonnenheit mahnt. Er wird ausgelacht. Da reißt der eisige Adlige einigen Feiernden die Maske herunter („seht her, Ihr Narren“). Das entsetzte Publikum erkennt, dass sich dahinter keineswegs muntere liberale Zecher befinden, sondern die unglücklichen Kommunisten vom Beginn des Stückes, die sich nun in spätrömischer Dekadenz auf der Bühne wälzen und Dosenbier verspritzen. Zu spät wird Don Guido klar, dass er vor lauter Träumereien die Realität verkannt hat. Er singt „was hab’ ich nur getan“ und verlässt auf Bruder Brüderle gestützt die Bühne.
Nun wird es traurig. Ein kleiner bebrillter Junge auf Rollschuhen singt „Und ich muss es richten.“ Engela erscheint abermals und nimmt ihn scheinbar tröstend in den Arm. Die Tragödie endet aber mit einem kleinen Schimmer der Hoffnung. Zwar läuten nun Don Guido und Lord Lambsdorff gemeinsam das Totenglöckchen, doch ganz zum Schluss kommt ein blaugelb gekleideter Herold gelaufen und ruft: „Philipp, sieh her. Drei neue Mitglieder im Kreisverband Wesel. Das ist doch was.“ Philipps Miene hellt sich auf. Er spürt: Da geht noch was. Er singt – begleitet von Jorgo Chatzimarkakis an der Bouzouki – das Abschlusslied „Zwei Prozent und doch potent“. Nach und nach stimmt das ganze Ensemble ein, auch der Schaumburger Kreis. Vorhang. Jubel.
Wenn jetzt noch Dieter Bohlen mitmacht, kann bereits nächstes Jahr am 5. Mai Premiere gefeiert werden. Ein gutes Datum wäre das. Geschichtsträchtig. Da wird in Schleswig-Holstein gewählt.