Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.10.2011

235_Die Tee-Nagerin (1)

Manchmal ärgere ich unsere Tochter. Ich weiß schon, das ist nicht nett und führt mittelfristig zu Konflikten. Aber es macht nun einmal Spaß, ein Pubertier zu reizen. Sie gehen steil in die Luft und explodieren in den schönsten Farben. Zum Beispiel fragte ich sie während der Lektüre des letzten Bandes von Harry Potter bis zu zehn Mal am Tag, ob denn der böse „Lord Waldemar“ schon tot sei.
„Der heißt Voldemort, Voldemort, Voldemort“ kreischte sie irgendwann. Gemein? Vielleicht. Oder ich nerve sie mit einem Scherz über den hübschen amerikanischen Sänger Bruno Mars. Carla liebt Bruno Mars. Ich finde ihn ja auch nicht übel, trotzdem muss er ständig für Scherze herhalten. Zum Beispiel für den hier: „Warum heißt Bruno Mars nicht Bruno Snickers? Weil er keine Nüsse hat!“ Carla fand das schon beim ersten Mal nicht lustig. Eigentlich mache ich solche Scherze nur, weil ich ihre Reaktion in Wirklichkeit cool finde. Sie stellt sich dann vor mich und sagt todernst: „Ja. Papa. Der war’s jetzt. Ich schmeiß’ mich weg.“
Aber sie ärgert mich auch zurück. Als ich mich vor einiger Zeit weigerte, mit ihr im Auto nach Stuttgart zu fahren, um dort gegen den Bahnhof zu demonstrieren, schleuderte sie mir verächtlich entgegen, ich sei eben so eine richtige „Revolutionsbremse.“ Das ist schon ein starkes Stück für jemanden, der mit dreizehn Jahren durchaus schon zu Demos ging, auch wenn er die thematischen Zusammenhänge nicht genau verstand. Und neulich musste ich mit ihr Klamotten aussortieren. Und zwar nicht ihre, sondern meine. Sie identifizierte drei Hemden mit denen ich aussähe wie ein Honk sowie eine untragbare Hose. „Bitte hol’ mich nie in diesem Ding von der Schule ab,“ bat sie mich angewidert. Aber wenn wir uns nicht ärgern, vertragen wir uns eigentlich ganz gut, Carla und ich.
Am letzten Wochenende ist sie endlich dreizehn Jahre alt geworden. Eine einschneidende Angelegenheit, denn jetzt ist sie – täterätäää – ein Teenager. Freudig erregt malte ich morgens ein kleines Bilderrätsel auf ein Blatt Papier. Ich zeichnete einen Teebeutel plus eine Maus und schrieb darüber „Hallo.“ Das hängte ich an den Spiegel im Badezimmer. Sie erschien damit am Frühstückstisch und fragte, was das nun wieder solle. Wahrscheinlich vermutete sie eine unbotmäßige Schmähung ihrer Person. Ich erklärte ihr, das sei ein Rebus, aber sie kam nicht darauf. „Jetzt guck doch mal. Das hier ist Tee und das ist ein Nager. Ein Tee-Nager“, sagte ich. „Aha,“ antwortete sie mäßig begeistert. „Und warum malst Du dann bitteschön eine Fliegenklatsche und ein Schwein?“ Ich war augenblicklich beleidigt, auch wenn ich eingestehen muss, dass bei mir alle Tiere aussehen wie Schweine. Außer ich male Vögel. Die sehen alle aus Hühner.
Nach dem Frühstück verkündete Carla, sie habe zehn Kollegen aus der Schule für den Nachmittag zu sich eingeladen. „Zum Kindergeburtstag?“ frohlockte ich. „Nein, zum chillen,“ sagte sie. Dann übergab sie mir eine Einkaufsliste und erklärte, dass die meisten bei uns übernachten würden, mindestens drei Jungs und mindestens vier Mädchen. Sie brächten Schlafsäcke mit und man würde es sich in ihrem Zimmer gemütlich machen. In Anbetracht der Größe des Raumes nahm ich an, dass es dort sehr, sehr gemütlich werden würde. Alles eine Frage der Einstellung. Ich fragte, ob Lord Waldemar auch eingeladen sei und bekam ein Brötchen an den Kopf.
Dann ging ich zum Einkaufen. Ich besorgte alles, was auf dem Zettel stand, nur nicht die Alcopops, aber ich nehme an, Carla wollte damit lediglich den Verblödungsgrad ihrer alten Revolutionsbremse testen. Sie stand dann in der Küche und rührte in einem großen Topf. Chili con Carne. „Anstatt Kuchen?“ fragte ich arglos und sie erklärte mir, dass es sich dabei um die Mitternachtssuppe handele. Sie hielt uns dann einen längeren Vortrag darüber, dass unsere Anwesenheit in ihrem Zimmer unerwünscht sei, egal, was für Geräusche aus ihm drängen. Und dass wir uns ein einziges Mal benehmen sollten wie richtig coole Eltern. Wir nickten eingeschüchtert, dann klingelte es auch schon an der Tür. Die ersten Gäste kamen.
Fortsetzung in der nächsten Woche