Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.10.2011

236_Die Tee-Nagerin (2)

Die Freunde unserer Tochter sind wohlerzogene und freundliche Gestalten. Wir hatten also kein Problem damit, als Carla ihren dreizehnten Geburtstag mit einer Zusammenkunft der zehn wichtigsten Mitglieder ihrer Peer-Group in ihrem Zimmer beging. Und zwar mit Übernachten. Bevor die Party anfing, wurden Sara und ich instruiert, auf keinen Fall ihr Zimmer zu betreten. Das sei uncool. Sie hätten Schlafsäcke dabei und wären insbesondere auf die Nacht sehr gut vorbereitet. Das klang beunruhigend, aber auf meine Frage, welche Vorkehrungen sie da genau getroffen hätte, antwortete Carla: „Nicht das, was Du natürlich jetzt wieder denkst.“ Sie habe lediglich die komplette TV-Serie „Glee“ besorgt, die man sich auf ihrem Laptop ansehen werde. Für einen Moment dachte ich: Wie langweilig. Wie spießig. So überhaupt null kriminelle oder wenigstens hormonelle Energie. Dann wurde mir wieder klar, dass es sich ja um den dreizehnten und nicht um den sechzehnten Geburtstag handelte und ich hielt mich mit Kritik über das Nachtprogramm zurück.
Gegen 16 Uhr trudelten Carlas Freunde ein, grüßten schlaff und verzogen sich in ihr Zimmer, aus welchem gedämpftes Gemurmel und Gekicher und Möbelgerücke zu hören war. Zwischendurch klingelte es immer mal wieder, Neuankömmlinge wurden wie Kriegsheimkehrer gefeiert, von Zeit zu Zeit trippelte wer ins Bad. Gegen Abend lockte ich die Meute (per Telefon!) in die Küche, wo ich Pizza servierte, was als ausgesprochen cool bewertet wurde und mir den anerkennenden Blick meiner Tochter eintrug. Die Damen und Herren blieben immerhin fast eine Stunde, um dann in Carlas biwakartiges Zimmer zurückzukehren und dort pointenlos rumzuhocken.
Sara und ich saßen genau darunter im Wohnzimmer und schauten an die Decke.
„Sie könnten ja ein bisschen tanzen“ sagte Sara.
„Ja. Oder heimlich rauchen“ sagte ich. „Oder zanken.“
Und dann geschah es. Ein Eklat. Endlich! Leben! Wir hörten Türenschlagen und Getrampel, dann wieder Türenschlagen und ein Schloss. Jemand hatte sich im Klo eingesperrt. Ich ging mal gucken. Vor dem Bad standen vier Gäste und unser Pubertier. Auf meine Frage, wer da drin sei, erklärte Carla, das sei Jenny und der ginge es nicht so gut. Jenny ist ein sehr korpulentes Mädchen. Hübsches Gesicht, aber doch ziemlich kräftig.
Jenny hielt es eine Dreiviertelstunde im Klo aus, was sicher auch an den großartigen uralten Mad-Heften liegt, die ich dort deponiert habe. Als sie den Schlüssel umdrehte und mit tränenverschmiertem Gesicht auftauchte, waren sämtliche Pubertiere zur Stelle, um sie abzufangen und zu umsorgen. Nur Moritz nicht, der saß auf der Treppe und guckte wie ein FDP-Politiker nach der Landtagswahl.
Später habe ich durch investigative Recherche (Facebook) rausgefunden, was sich abgespielt hat. Es war nämlich so, dass Carla gesagt hat: „Jenny und ich sind wirklich so richtig dicke Freundinnen.“ Und darauf hat Moritz fröhlich gerufen: „Naja, mehr oder weniger.“ Und da ist Jenny aus dem Zimmer gestürzt. Die anderen haben sich den Moritz vorgeknöpft, weil das von ihm echt endfies war, die Jenny so krass vor den Anderen zu dissen.
Hat sich dann aber auch alles wieder eingerenkt. Über Nacht haben wir nicht viel gehört, außer als Simon sich übergeben hat. Zuviel von allem, man kennt das ja. Aber sie haben alle gemeinsam saubergemacht. Am nächsten Morgen bereitete ich das Frühstück für Carla und ihre Gang vor und diese erschien schluckweise. Ihre Mitglieder sahen aus als kämen sie gerade aus einem Basislager unterhalb des Nanga Parbat. Man gab sich schweigsam. Auf meine Frage, wie lange man getagt habe, hieß es, dass es die letzten bis sieben Uhr morgens ausgehalten hätten. Man erinnert sich an so etwas, kann es aber nicht mehr verstehen. Ich persönlich schlafe ja höchst gerne.
Ich fragte in die Runde, wer denn jetzt alles einen schönen Kakao haben wolle und Moritz fragte zurück, ob auch ein Latte Macchiato ginge. Dem schlossen sich alle an. Und mein winzig kleiner Coolheitskredit war quasi nolens volens: wieder weg.