Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.10.2011

237_Ein korrekter Typ

Wenn Paare sich trennen, ist das meistens ebenso bedauer– wie unausweichlich. Wobei man sagen muss, dass es sicher Paare gibt, die sich nur deshalb nicht scheiden lassen, weil sie zu faul sind, den ganzen Hausrat untereinander aufzuteilen. Das hat nämlich dann zu geschehen. Die Tischtennisplatte und die ollen VHS-Cassetten bleiben in der Regel beim Mann, das Porzellan und der seltsame isländische Knüpfteppich gehen mit der Frau. Und auch der Freundeskreis wird fair gespaltet. Als jüngst Gerd und Ulla für immer auseinandergingen, fielen wir Gerd zu. Keine Ahnung, warum. Ich hatte Beiden nicht sehr nahe gestanden, aber hier und da mit ihm Fußballspiele im Fernsehen angeschaut. Das war es auch schon.
Die beiden verarbeiteten ihr Ehedesaster auf sehr unterschiedliche Weise. Ulla ging nach dem Scheidungstermin zum Friseur, buchte einen Tangokurs und fing ein neues Leben an. Gerd hingegen wird immer dicker. Vor vier Monaten wurden die beiden geschieden und seitdem ist Gerd aufgegangen wie ein riesiges Hefeplundergebäck. Gerd ist sozusagen eine einzige gigantische Scheidungsmasse. Er tat mir irgendwie leid. Also sagte ich zu, als er mich anrief und zum Fußballgucken einlud.
Er öffnete mir und ich sagte: „Pünktlich halb neun, Guten Tag.“ Darauf er: „Es ist genauer gesagt 20:28 Uhr. Pünktlich ist nicht unbedingt, wer zu früh erscheint. Auch dies ist eine Form der Unpünktlichkeit.“ Wir setzten uns ins Wohnzimmer und redeten über Fußball. Ich erwähnte, dass ich mich noch genau daran erinnern kann, wie Uli Hoeneß im Juli 1976 im EM-Finale seinen Elfmeter in den Himmel von Bukarest drosch. Gerd sagte: „Das war nicht im Juli `76, sondern am 20. Juni. Und zwar in Belgrad, nicht in Bukarest.“ Eingeschüchtert nahm ich ein paar Chips und lutschte darauf herum, weil ich keine Geräusche machen wollte.
Das Spiel fing an. Ich erinnerte mich daran, dass Ulla einmal bei uns gesessen und erzählt hatte, Gerd sei ein ganz unerträglicher Klugscheißer.
„Sag’ mal Gerd, woran ist Eure Ehe eigentlich genau gescheitert?“, fragte ich ihn Mitte der ersten Halbzeit. Das Spiel war langweilig und die Chips schmeckten wie Katzenstreu mit Salz. Gerd holte tief Luft. Dann erläuterte er mir das Wesen seiner Exfrau als erbärmliche Zusammenkunft von Ahnungslosigkeit, Naivität und Blödheit. Alles habe er ihr immer wieder erklären müssen und seine Sachkompetenz habe dann wohl hier und da auf die Stimmung gedrückt. So sei das eben, wenn die Partner nicht mit demselben intellektuellen Rüstzeug in die Ehe gingen. Tja.
„Sie hat gesagt, dass Du ein ziemlicher Klugscheißer bist.“
„Ha! Siehste! Bin-ich-eben-nicht,“ brüllte er. „Ich bin kein Klugscheißer, sondern ein Besserwisser. Das ist nämlich nicht dasselbe.“
Gerd korrigierte nicht nur mich, sondern auch Abseitsentscheidungen und als der arme Sportreporter in der 48. Minute bemerkte, dass sich nun „das Spinnennetz der Bayern-Abwehr“ zuziehe, rief er: „Fischernetze ziehen sich zu, Du Idiot. Spinnennetze niemals.“ Es war schlimm. Und das schlimmste war, dass er dauernd Recht hatte. Unerträglich.
Ich lehnte sein Angebot, noch ein Bier zu trinken mit dem Hinweis ab, ich müsse noch fahren. „Wieso? Dein Auto fährt. Du sitzt nur drin.“ Ich sagte seufzend, dass das doch eigentlich auf dasselbe hinaus käme, aber das ließ er nicht gelten. „Die deutsche Sprache möchte gerne exakt benutzt werden.“ Irgendwie ging er mir auf die Nerven. Wie hat Ulla das bloß neun Jahre ausgehalten? Fast ein Jahrzehnt mit einem Menschen, der jeden ihrer Witze noch einmal, dann aber richtig erzählte.
Auf der Heimfahrt beschloss ich, das Lager zu wechseln. Ich bin keine wehrlose Zuckerdose, ich kann mich für eine Partei entscheiden. Also sprach ich mit Sara darüber als ich neben ihr im Bett lag. „Das geht nicht“ sagte sie, „wir kennen Ulla erst seit 2002 und ihn aber schon seit 1998.“ Dann machte sie das Licht aus. Eine Minute verging. Dann sagte ich: „Wir kennen Gerd genau seit Frühjahr 1999.“
Und für einen Moment stand unsere Ehe auf tönernen Füßen.