Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.10.2011

238_Rechtsfreier Traum

Wir waren zu einem Abendessen eingeladen. Ein Anhänger der Piratenpartei namens Wilfried schwafelte vom Netzbürgertum und vom freien Zugang zu was auch immer. Das biedere Festhalten an Begriffen wie „geistiges Eigentum“ stünde der Evolution im Weg. Kleiner hatte er es nicht. Dann wurde ich gefragt, was ich von der Abschaffung des Urheberrechts hielt und von der kostenlosen Verbreitung künstlerischer Werke und ich sagte: „Ich finde beides scheiße.“
Auf der Rückfahrt stritten Sara und ich, weil sie den Kerl charmant fand. Ich fand ihn eine Riesenarschgeige. Und ich war der Ansicht, dass Leute, die nicht dazu bereit sind, 50 oder 80 Cent für einen Musiktitel oder ein anderes mühevoll in die Welt gesetztes künstlerisches Werk auszugeben, geizige Spießer sind, die keinen Respekt vor ihren Mitmenschen besitzen. Aber vielleicht lag ich ja falsch. Also las ich am nächsten Tag das Programm der Piratenpartei durch.
In Teilen klingt das charmant, doch beim Thema Urheberrecht grinst aus jeder Zeile die Fratze der Mittelmäßigkeit. Da steht, dass Kopierschutzmaßnahmen künstlich die Vervielfältigung von Werken verknappe, „um aus einem freien Gut ein wirtschaftliches zu machen.“ Interessant. Musik, Literatur und Malerei sind für diese Komiker tatsächlich keine handelbaren Güter, sondern so etwas wie Luft. Woher kommt diese knalltütige Ideologie? Das steht ein paar Zeilen darunter, denn nach Meinung der Piratenpartei „wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern (…) von essentieller Wichtigkeit.“ Soso. Ohne das Alte gibt’s nichts Neues. Das ist wohl wahr. Und weil das Alte im Neuen steckt, muss man für Letzteres nichts bezahlen.
Wenn man diesen Gedankengang ernst nimmt, hat er unterhaltsame Konsequenzen. So basiert das Rezept eines Frankfurter Kranzes weitgehend auf der Erfindung der Buttercreme und des Krokantes. Beide Rezepte sind Allgemeingut und daher wäre es nicht vermessen, darauf zu bestehen, dass die Konditoreien doch bitteschön künftig ihre Frankfurter Kränze an die Mitglieder der Piratenpartei verschenken mögen. Im Grunde gilt das für alle Backwaren. Hinreißend die Vorstellung, dass der Vorsitzende der Piratenpartei in eine Bäckerei geht und sagt: „Ich fordere Sie zur Überlassung von fünf Brezeln sowie drei Brötchen und einer Rosinenschnecke auf, da Sie bei der Herstellung dieser Waren auf einen öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen haben.“
Dasselbe gilt konsequenterweise auch für Texte. Bei der Anfertigung dieser Kolumne habe ich in ganz erheblichem Maße auf frühere Schöpfungen zurückgegriffen. Alleine den bereits vor tausenden von Jahren erfundenen Buchstaben „e“ habe ich bis hierhin 345 Mal verwendet. Eine geradezu schamlose Plünderung öffentlichen Gutes ist das natürlich. Und wenn man nun noch bedenkt, dass dieser Buchstabe in der ganzen WamS hunderttausendfach vorkommt, dann wird einem erst das komplette Ausmaß dieses Diebstahls am Volk bewusst. Und es kommt noch dicker.
Der Herr Nerz von der Piratenpartei hat nach dieser Logik auch Anspruch auf kostenlose Kleidung, denn die Modemacher besinnen sich in ihren Kollektionen traditionell auf vergangene Muster und Schnitte, die sie neu interpretieren. Und die Architekten auch. Und die Industriedesigner ebenfalls. Und die Dachdecker. Und die Schreiner, die Ärzte, die Rechtsanwälte. Eigentlich müsste es für die Piratenpartei alles umsonst geben.
Nur eines kostet auch künftig: Die Mitgliedschaft bei den Piraten. Dafür muss man 36 Euro pro Jahr bezahlen. Und das, obwohl die Partei bei ihrer Gründung in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz einer wundervollen Schöpfung zurückgegriffen hat. Diese nennt sich Demokratie und sollte eigentlich kostenlos sein. Aber soweit geht die Freundschaft bei denen dann doch nicht.