Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.10.2011

239_Dattelmann bläst

Der Herbst ist nach kreationistischer Auffassung die Zeit, wo der liebe Gott sagt: „Hey Bäume, ihr holzigen Spitzenprodukte meiner Schöpferlaune, jetzt aber bitteschön runter mit den Blättern, und zwar zacki.“ Die Bäume machen das dann. Und wer muss den ganzen Kram aufräumen? Ich. Jedes Jahr dasselbe. Als wir noch in der Stadt wohnten, früher, da hat der Herbst mehr Spaß gemacht, denn wir wohnten in einer Wohnung ohne Bäume. Aber dann zogen wir aufs Land – der Kinder wegen – und nun habe ich es immer ab Ende Oktober mit dieser blöden Bückware zu tun. Im ersten Jahr erkundigte ich mich nach Möglichkeiten, die Miete zu mindern, weil mir keiner gesagt hatte, dass ab Mitte Oktober sechs Trillionen Blätter runterfallen und den Blick auf den Boden versperren würden. Aber der Mieterschutzbund hat auf meine Mail nicht reagiert. Komisch.
Jedenfalls plage ich mich seit Jahren mit diesem schon mythischen Geblätter herum. Das dauert Tage. Das schlimmste ist der Abtransport zum Wertstoffhof. Ich benötige zwanzig Fahrten, um Gottes Herbstzeugnisse wegzubringen. Man könnte die Sache natürlich beschleunigen, wenn man einen Laubsauger hätte, mit dem man das Zeug zu Hügeln pusten oder gleich einsaugen und zerschnitzeln kann. Aber Sara ist seit Jahren dagegen. Wegen Ulrich Dattelmann. Dattelmann ist Elternsprecher in der Grundschule. Ich habe schon einmal von ihm erzählt, glaube ich. Egal.
Dattelmann ist jedenfalls bezogen auf Schule und Nachbarschaft der Opinion Leader schlechthin. Seine Meinung ist Gesetz und dies schon alleine deswegen, weil ein normaler Mensch gar nicht so viele Meinungen haben kann wie er. Er ist eine Mensch gewordene Meinung. Ich durfte mir keinen Laubsauger kaufen, nachdem Dattelmann seine Ansicht dazu in der Grundschule ans schwarze Brett gepinnt hatte. Dort stand, dass Laubsauger ungefähr so böse seien wie Osama bin Laden, Fußpilz und Müllermilch zusammen. Naja. So las es sich jedenfalls. Besonders für Kleinstlebewesen, die man mit dem Laub einsauge, würden diese Geräte zur tödlichen Gefahr. Und die Lautstärke sei zudem unerträglich. Gut, ich weiß jetzt gar nicht, ob Wurzelfüßer oder Rädertierchen Ohren haben. Außerdem gehen diese Minijobber im Kompostbusiness ja nicht gleich hops, bloß weil ich sie durch den Garten puste. Aber in unserer Gegend werden die Gesetze von Dattelmann gemacht und deshalb blieb es beim endlosen Rechen und Bücken und Fahren.
Ich nahm dann letzten Mittwoch mit Interesse zur Kenntnis, dass Dattelmann ein großes Paket aus seinem Volvo-Kombi holte. Er hatte sich einen Laubsauger gekauft. „Soso,“ sagte ich. „Da haben Sie wohl ihre Meinung geändert, was?“
„Keineswegs,“ antwortete Dattelmann. „Du wirst allerdings sehen, dass man solch ein Gerät auch ohne Schaden für unsere kleinsten Erdbewohner betreiben kann.“ Er duzt mich immer, ich sieze zurück. Dattelmann setzte mir auseinander, dass man den Laubsauger oberflächlich einsetzen könne, wo praktisch keine Kleinstlebewesen anzutreffen seien. Er trüge nur die erste Schicht ab, den Rest erledige er mit der Harke. Dattelmann hatte über eine komplizierte Formel ausgerechnet, dass er sein Laub fortan mit einer Zeitersparnis von 41,6% bearbeiten würde. Dem gegenüber standen Anschaffungskosten und Stromverbrauch, welcher ungefähr 19 Cent pro Jahr ausmache. Er habe erkannt, dass die effiziente Entlaubung seines Grundstückes seiner Familie und deren Belangen zugute kämen, denn nach der Gartenarbeit bliebe nun mehr Zeit für gemeinsame Aktivitäten wie Spaghetti-Makramee und der Transkription alter Chris-De-Burgh-Songs für die Blockflöten der Kinder.
Erst war ich sprachlos. Dann lief ich ins Haus und berichtete Sara. Sie war trotzdem gegen den Laubsauger. Also schaute ich Dattelmann dabei zu, wie er sein Laub pustete. Es machte ihm offenbar Spaß. Und den wird er noch lange haben. Denn seit ich weiß, wie gut und richtig es ist, so ein Gerät zu betreiben, bekommt sein Garten ständig Nachschub. Ich fahre nicht mehr zum Wertstoffhof, sondern bringe ihm Nachts was ich tagsüber gesammelt habe. Neulich sagte er, dass es in diesem Jahr komischerweise viel mehr Laub gebe als sonst.