Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.11.2011

240_Souvenirs

Kaum ein Kulturamtsleiter lässt es sich nehmen, am Ende einer Lesung ein kleines Präsent zu überreichen. Häufig bekomme ich Bücher. Sie werden von der Stadtverwaltung angeschafft, damit man – sagen wir mal Schwäbisch Gmünd oder Eckernförde – in guter Erinnerung behält. Diese Bücher heißen „Unterwegs mit dem Nachtwächter und Volksdichter Willi Lönsmann“ (596 Seiten, gebunden, mit Zeichnungen von W. Lönsmann). Oder „Der Kraichgau, die Toskana Baden-Württembergs“ (Bildband) oder „Die schönsten Modelleisenbahnen in Thüringen“ (dito).
Ich kenne namentlich Kolleginnen und Kollegen, die derartige Werke im Hotel unter dem Bett verschwinden lassen. Sehen Sie demnächst mal nach, wenn sie zum Beispiel in Passau übernachten. Es kann gut sein, dass Sie dort „Barocke Domschätze“ (350 Seiten, viele Bilder) auffinden. Wer sich solcher Souvenirs entledigt, ist keineswegs undankbar, sondern lediglich konsequent. Vernünftige Reisende wollen sich nicht mit tonnenschweren Gaben belasten, zumal sie niemals im Kraichgau wandern oder eine Eisenbahn bauen oder Gedichte von W. Lönsmann auswendig lernen möchten. Meine Kollegen lassen diese Sachen also meist im Hotel. Ich nicht. Ich schleppe alles mit. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus Angst.
Einmal hatte ich den Bildband „Die schönsten Schweine aus Dithmarschen“ bereits unter mein Nachtlager gewälzt, als ich mir vorstellte, wie der Hotelbesitzer ihn dem Veranstalter zurückbringen würde. „Er hat das Buch unter das Bett geschoben, das schöne Buch“, hörte ich den Hotelier sagen. „Was für ein arrogantes Ekel“, hörte ich den Veranstalter sagen. Also zog ich es wieder hervor und quetschte es in meinen Koffer. Das war montags. Am Dienstag gab es Wein. Ich kenne Berufsgenossen, die diese Pullen am Bahnhof dankbaren Abnehmern überlassen. Es handelt sich meist um Rotweine einfacher Art, die günstig von der Verwaltung eingekauft und als Maßnahme des Stadtmarketings mit Slogans wie „l(i)ebenswertes Wonsheim“ beklebt werden. Wein ist schwer, oft noch schwerer als ein Buch. Aber ich traue mich nicht, diese Flaschen zu verschenken. Es könnte ja sein, dass der Veranstalter am Bahnhof die Flasche mit eingedrücktem Korken neben dem neuen Besitzer stehen sieht. „Wo haben Sie den her?“, fragt der Veranstalter. Darauf werde ich beschrieben und als undankbarer Lackaffe fortan gemieden. Also drückte ich alles im Koffer zusammen und nahm den Wein mit. Und den Sekt am Mittwoch. Die Pralinen am Donnerstag aß ich nach der Lesung im Hotelzimmer auf. 300 Gramm. Ogottogott.
Am Freitag erhielt ich dann originellerweise einen Panettone in einer Art Hutschachtel. Unmöglich in den Koffer zu bekommen. Zudem mag ich keinen Panettone. Vielleicht sollte es ein Scherz sein. Kleine Ironie. Hihi. Ich konnte das Ding nicht im Hotel lassen, denn der Mann von der Rezeption und der Veranstalter waren gute Bekannte. Und am Bahnhof stand niemand. Der Ort war außerdem klein. Da fallen Schulkinder mit einem großformatigen Panettone einfach auf. Also nahm ich das Teil mit in den Regionalzug und stellte es auf den Platz neben mir. Ich plante, es dort einfach zu lassen, zugedeckt unter Tageszeitungslagen. Ein Bahnangestellter würde den Kuchen abends entdecken und mit nach Hause nehmen, um sich und seiner Familie damit eine Freude zu machen. Ein brillanter Plan. Und niemand würde mich und den blöden Panettone miteinander in Verbindung bringen. Niemand.
Es wurde dann recht voll. Eine Dame wollte sich setzen, also legte ich mein ganzes Zeug in die Gepäckablage. In Ulm rannte ich durch den Bahnhof, um meinen Anschluss nicht zu verpassen. Und dann noch einmal Umstieg in München. Als ich schließlich in meinem Dorf die Bahn verließ, hievte ich den vollgestopften Koffer mit dem Buch, dem Sekt, dem Wein und meinen Klamotten aus der Bahn. Da vermisste ich den Panettone. Er war weg. Ich hatte ihn vergessen. Nicht absichtlich stehen lassen, sondern ehrlich beim Umstieg in Ulm in der Gepäckablage der Regionalbahn vergessen. Ich war gar nicht dazu gekommen, ihn verschwinden zu lassen. Es tat mir leid. Befreiung und Schuld in einem einzigen seltenen Moment. Es fühlte sich aber nicht schlecht an.