Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.11.2011

242_Hobby-Politiker

Was mir nach wie vor fehlt, ist ein richtiges amtliches Hobby. Komme nicht dazu. Es ist mir auch ein Rätsel, wie andere Menschen das hinkriegen: Alle haben sie Pflichten, Aufgaben und Berufe. Dann noch jeden Bissen 32 Mal kauen, genug trinken und gesund bleiben. Und trotzdem gehen die Leute immer noch Freizeitbeschäftigungen nach. Als Ausgleich für den Rest. Mein Leben besteht weitgehend aus Rest und zum Ausgleich schlafe ich. Ich könne mir mal ein Beispiel an unseren Politikern nehmen, die hätten Verantwortung und Hobbys, meinte Sara neulich mit Blick auf den Schach spielenden Politstrategen Steinbrück. Stimmt schon. Politiker sind riesige Hobbypfleger. Dass die so viel Zeit haben, schon seltsam.
Man sollte das Gegenteil annehmen. Aber Pustekuchen. Ausweislich ihrer Homepage ist unsere Bundeskanzlerin Hobbyköchin. Den lieben langen Tag muss sie sich bei Konferenzkeksen über Griechen, Italiener und Bayern ärgern. Und dann kommt sie nach Hause und Herr Sauer ruft aus dem Wohnzimmer: „Na, was brutzelst Du uns denn heute Feines?“ Glaube ich nicht, zumal die Kanzlerin ja nicht nach der Arbeit noch zum Tengelmann düst und Austernpilze und so etwas kauft. Wenn sie Schluss hat, ist doch längst alles zu. Da gibt es bestimmt nur Königsberger Klopse (Erasco, Dose zu 3,99 Euro).
Vermutlich geben Politiker nur deshalb Hobbys an, weil es Volksnähe suggeriert. Obwohl: Von einigen weiß man mit Gewissheit, dass sie welche haben. Der Ministerpräsident von Bayern betreibt zum Beispiel daheim im Keller eine Modelleisenbahn. Das ist alles ordentlich recherchiert. Er lässt auf der Lok eine kleine Figur mit dem Gesicht von Angela Merkel fahren. Muss man sich mal vorstellen: Horst Seehofer schneidet zuhause mit der Nagelschere den Kopf der Kanzlerin aus der BUNTEN aus und klebt ihn auf eine Playmobilfigur. Hach, muss Regieren schön sein, wenn man auf solche Ideen kommt.
Der Kinderarzt Philipp Rösler spielte zumindest früher öfter mit Handpuppen und erheiterte so die kleinen Patienten auf der Krankenhausstation. Diese Methode zur Traumaüberwindung sollte er spätestens nach der nächsten Landtagswahl zum Wohle seiner Parteifreunde reaktivieren. Helmut Kohl war Aquarianer und züchtete zudem riesige Münzen, die sich auf seinem Schreibtisch vermehrten. Franz-Josef-Strauß war Hobbypilot und Jürgen Trittin legt als DJ Dosenpfand öffentlich auf, wobei man nicht ganz sicher ist, ob nicht Seehofer lieber öffentlich seine Bahn fahren lassen und Trittin dafür in Seehofers Keller auflegen sollte.
Der SPD-Chef Gabriel zieht am Wochenende gerne den Zopfmusterpulli an und sticht in See. Sigmar, der segelnde Sozi spielt außerdem Tennis und macht Radtouren. Ich hatte eigentlich angenommen, dass er in seiner Freizeit gerne isst. Dann hätte die Kanzlerin ja mal für ihn kochen können. Mit Renate Künast zusammen. Die kocht auch für ihr Leben gerne. Frau Künast teilt außerdem mit, ab und an zwischen zwei Buchdeckeln zu verschwinden, was ich ein seltsames und irgendwie gefährliches Hobby finde.
Und der Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hat drei Beine. So steht es jedenfalls auf seiner Homepage: „Mein drittes Bein ist die Musik. Dabei kann ich alles um mich herum vergessen.“ Im heimischen Traunwalchen sitzt er oft am Flügel und ist dabei auf die Idee gekommen, eine CD einzuspielen, und zwar mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin. „Adagio im Auto – stressfrei und sicher fahren“ heißt das Werk und es enthält langsame Sätze aus mehreren Mozart-Symphonien, die von den Autofahrern angehört werden sollen, damit sie fortan langsamer fahren. Es droht nun allerdings die Gefahr, dass Ramsauers Publikum unterwegs einschlummert wegen der vom Minister mit allzu weicher Hand vorgetragenen Melodien. Die Schlagzeilen will man sich gar nicht vorstellen.
Dann lieber was ganz Lautloses machen und Kunst sammeln. Das gefällt mir, das mache ich jetzt. Genau wie der Außenminister. Dagegen ist bei ihm auch prinzipiell nichts einzuwenden, aber noch besser für Guido Westerwelle und für uns alle wäre es, er würde sich stattdessen wenigstens hobbymäßig für Außenpolitik interessieren.