Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.11.2011

243_Gedanken zum Advent

Der walnussköpfige Bundesinnenminister Friedrich erinnert mich mit seinem Phänotyp daran, dass die Adventszeit beginnt. Da sitzt man beisammen, zündet Kerzlein an und labt sich bei parfümiertem Tee mit Honig an eben: Walnüssen. Die Walnuss ist übrigens seit kurzem endlich, wofür wir sie schon immer hielten, nämlich eine Nuss. Den Fachleuten aus der Nussforschung galt sie bis vor kurzem noch gar nicht als Nuss im botanischen Sinne, sondern als Steinfrucht. Man knackte also jahrzehntelang im festen Glauben an dessen Nussigkeit etwas, von dem die Forscher annahmen, dass es was anderes wahr, womit sie aber falsch lagen: Die Walnuss ist eine solche. Große Erleichterung, die sich auch bei anderen Nahrungsmitteln bitteschön einstellen möge. Da wird nämlich nach wie vor ein ziemlich verwirrender Etikettenschwindel betrieben, an dem bienenfleißige Botaniker nicht schuldlos sind, weil sie immer mal wieder die wahre Identität diverser Früchte aufdecken und verkünden. Beispiele: Im Sommer fallen wir Schleckermäulchen auf den Begriff „Beere“ herein und verputzen unter dieser Bezeichnung in Wahrheit tonnenweise Nüsse. Erdbeeren zum Beispiel. Das sind botanisch betrachtet Nüsse. Die Erdbeere nun aber in „Erdnuss“ umzubenennen, würde möglicherweise zu einer globalen Verwirrung führen, wie man sie aus Ländern mit Linksverkehr kennt.
Diesen gibt es in ungefähr einem Viertel aller Nationen und er setzte sich vielerorts durch, wo die Briten irgendwann mal bestimmen durften, sowie in Japan und phasenweise in Österreich und Schweden. In Österreich – einer Art Walnuss der Straßenverkehrsordnung – war lange Zeit nicht klar, ob es nun ein Linksverkehrland mit rechtsgelenkten Fahrzeugen oder ein Linkslenkerland mit Rechtsverkehr werden würde. Das hat auch damit zu tun, dass lange Zeit niemand wusste, was so grundsätzlich aus Österreich werden würde. Österreich-Ungarn zum Beispiel: Linksverkehr mit Ausnahme von Vorarlberg. Dort: Rechtsverkehr. Dann doch Einführung des Rechtsverkehrs zumindest im Westen des Landes, anschließend Umstellung auch in Kärnten und Osttirol, später überall, außer in Wien, Niederösterreich und Teilen des Burgenlandes und der Steiermark, wo noch ein Weilchen links gefahren wurde. Im Bahnverkehr ist das teilweise in Österreich immer noch so. Und bei den Italienern wird auf der Straße zumindest offiziell rechts gefahren, auf Gleisen aber links.
Sehr pragmatisch, wenn auch nicht ganz ohne Risiko ging der Wechsel von rechts auf links kürzlich auf Samoa vonstatten. Dort wurde am 7. September 2009 um sechs Uhr morgens auf Linksverkehr umgesattelt, weil die Regierung der Ansicht war, dass man sich auf diese Weise die Anschaffung von teuren europäischen und amerikanischen Autos mit Linkslenkern sparen könne. Um die Bevölkerung Samoas sanft an die neuen Regeln zu gewöhnen, gab die Regierung allen Untertanen zwei Tage frei und verhängte ein Alkoholverbot.
Die japanische Automobilindustrie wird sich über die samoische Neuregelung gefreut haben, weil sie traditionell Rechtslenker herstellt, ganz im Gegensatz zur schwedischen. Die Skandinavier bauen wie die Deutschen Autos mit linksseitig eingebauter Lenksäule zur Fortbewegung im Rechtsverkehr. Lustigerweise pflegten die Schweden aber bis 1967 die Schrulle, mit ihren Linkslenkern im eigenen Land im Linksverkehr zu steuern, was zu einem sehr vorsichtigen Fahrstil führte, den man bis heute im Urlaubsverkehr auf deutschen Autobahnen beobachten kann. Wahrscheinlich hängt auch die legendäre Crashsicherheit schwedischer Autos mit dem eigentümlichen Plan zusammen, auf der linken Straßenseite links lenkend nach rechts abbiegen zu wollen.
Ein schwedisches KFZ umhüllt die Insassen jedenfalls wie die Schale einer Walnuss, die von einem hohen Baum hinunterfallen kann ohne zu zerbrechen. Aber meinem Nussknacker hält sie nicht stand. Schon wieder dieser Friedrich im Fernsehen. Wirklich, wie eine Walnuss mit Brille. Übrigens: Himbeeren und Brombeeren sind auch keine Beeren. Genau wie die Erdbeere. Aber sie sind auch keine Nüsse, sondern Steinfrüchte. Hat man ja wie gesagt von der Walnuss auch mal gedacht. Wunderbare Adventszeit.