Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.12.2011

244_Im Siedlerheim

Sara kam aus dem Supermarkt und überraschte mich mit der Ankündigung, wir hätten abends eine Verabredung. Wenn Frauen mit Einkäufen in der Hand von soeben getroffenen Verabredungen erzählen, haben sie sich an der Käsetheke festgequatscht und man muss hinterher dafür geradestehen. Und genau so war es.
„Wir sind bei Jürgen und Lorella eingeladen. Zum Spieleabend.“
„Zum was? Bei Jürgen? Ogott.“
Ich habe schon mal von Jürgen erzählt. Das ist mein Schwager, der Mann von Saras älterer Schwester. Er ist Weinkenner, Esoteriker und Ingenieur. Die Beiden wohnen nicht weit weg, aber uns trennen Welten. Ich würde ohnehin niemals freiwillig zu einem Spieleabend gehen. Ich bin Mitte vierzig. Ich bin ein ernsthaft arbeitender Mensch. Ich muss bis zum Sonntag die Sonntagszeitung vom letzten Sonntag durchackern. Ich möchte Fußball gucken. Ich will nicht darum würfeln, wer anfangen darf und bewege auch keine Spielsteinchen über fremde Esstische. Absolut nicht. Ich will zuhause sein. Käffchen trinken. Lesen. Mir egal. Ich gehe nicht zu Spieleabenden. Erst recht nicht bei Jürgen. Auf keinen Fall. NEIN!
Wir klingelten um kurz vor Acht bei Lorella und Jürgen und als sich die Tür öffnete, streckte ich missgelaunt eine mittelgute Flasche Wein ins überheizte Schwagerheim: „Da.“
„Wohlan, tretet ein, edle Spieler“ sagte Jürgen und machte einen Diener. Er trug einen hölzernen Helm und eine Schafwellweste. „Ihr kömmet ein wenig underdressed,“ stellte er fest. „Wir haben doch gesagt, wir wollen siedlern.“
„Wie bitte?“ fragte ich und sah meine Frau panisch an. „Das ist jetzt aber nicht irgend so ein Sexding, oder?“ Die Menschen treiben ja in Verkleidung die merkwürdigsten Dinge. Und Jürgen traue ich wirklich alles zu.
„Siedlern. Die Siedler von Catan. Wir ziehen uns dafür immer um. Ist egal. Wir haben auch Gästekostüme.“
Ich warf meiner Frau einen Blick zu, mit dem man Griechenland und die restlichen Eurozone mühelos hätte verschweißen können. Immerhin war sie schuld daran, dass ich für den Rest des Abends einen schwarzen Brokatumhang tragen musste. Und sie selbst eine samtene Weste mit Goldknöpfen und Katzenhaaren. Ich musste niesen. Jürgen rief: „Zur Einstimmung: Met und ein Lied.“ Dann zapfte er vier Gläser honigfarbener Flüssigkeit aus einem Fässchen. Met. Selber hergestellt. Aus Honig und Hefe. „Na?“ fragte er triumphierend. Das Zeug schmeckte wie das Hustenbonbon, dass ich einmal in der Schublade einer Oma entdeckte, bei der ich Zivildienst machte. Auf der Bonbonschachtel stand Sütterlinschrift und nach dem Genuss des betagten Bronchialbrockens wurde ich eine Woche krankgeschrieben.
„Wikingerblut. Ahhh“, rief Jürgen, setzte seinen Humpen ab und griff zu einer unförmigen Flöte, auf der er „Das Lied der Siedler“ blies. Es handelte sich dabei um eine eigenwillige aber flotte Marsch-Version von „Alle meine Entchen“. Lorella klatschte mit, wir sahen fassungslos zu. Jürgen und Lorella singen auch bei fünfzigsten Geburtstagen „Wie schön dass Du geboren bist“ und ihre ästhetische Ignoranz kennt keine Schamgrenzen. Während ich noch darüber nachdachte, wie man glaubwürdig einen Blinddarmdurchbruch simuliert, wurden wir zum Esstisch geschoben, auf dem das Spiel bereits vorbereitet lag.
Immerhin gab es was zu Essen. Käsebrote und Haferkekse. Ich griff zu, doch Jürgen schlug mir mit der blöden Flöte auf die Hand. „Halt! Obacht, Geselle. Nahrung muss man sich verdienen. Nur wer geschickt das Spielfeld bewandert, soll auch dem Laster der Völlerei frönen,“ rief er. Wenn Du mich noch einmal mit der verdammten Flöte haust, setzt es was, dachte ich und warf meiner Frau einen langen düsteren Blick zu. Der sagte: Dies, meine Liebe, sind alles Punkte auf einer langen langen Liste, die wir demnächst mit dem Scheidungsrichter zu besprechen haben.

Fortsetzung dieser Geschichte nächste Woche