Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.12.2011

245_Siedeln und Sudeln

Von der eigenen Frau zu einem Spieleabend geschleppt zu werden ist das eine. Dass dieser Alptraum aber auch noch bei Jürgen und Lorella stattfand, gab mir den Rest, noch bevor wir auch nur einen Spielstein bewegt hatten. Ich musste mich dafür verkleiden und sah aus wie ein Geschubster mit Zauberumhang. Dann gab es Met. Käsebrote erhielten wir hingegen nur als Belohnung bei erfolgreichem Spiel. Und Jürgen blies abwechselnd auf einem Wikingerhorn und einer Flöte herum. Toller Abend. Nach einer Viertelstunde war ich zur Scheidung fest entschlossen.
Jürgens „Siedler von Catan“-Spiel ist selbstgemacht, zumindest die Sechsecke, aus denen die Landschaft des Spielplans besteht. In vielen hundert Arbeitsstunden hat er dieses 3-D-Siedler-Spiel gebastelt. Mit Bäumchen und Figuren, die Weizenfelder bestellen sowie schneebedeckten Wipfelchen. Ich berührte neugierig ein Schaf und der Hausherr drohte mit sofortigem Ausschluss vom Spiel, worauf ich das Schaf reflexhaft nochmal berührte, was aber leider folgenlos blieb.
Jürgen blies in sein Wikingerhorn und das Spiel begann zunächst einmal damit, dass er in aller Ausführlichkeit die Sonderkarten erklärte. Es existieren zahllose Erweiterungen zu den „Siedlern von Catan“ und massenhaft Tricks und Finten sowie eben Sonderkarten. Man kann damit alle möglichen Effekte herbeiführen oder verhindern; ich habe nicht richtig zugehört, weil ich ganz sicher war, dass man diese Details zum Leben nicht braucht.
Die erste Partie dauerte dann auch nur wenige Minuten, in denen der mit einem Holzhelm bekleidete Jürgen ständig triumphierend neue Karten zog, die längste Straße baute und eine frühkapitalistische Handelsmacht aufzog. Wir hatten dem nur unseren Hunger entgegenzusetzen, aber wir erhielten keine Käsebrote. Jürgen umschlang den Holzteller mit dem Essen leidenschaftlich und erklärte: „Nur der Gewinner darf essen. Nur auf diese Weise nehmen alle das Spiel richtig ernst.“ Dann futterte er Käsebrote. Wir durften das Spielfeld neu einrichten und ihm mit Met zuprosten. Was machte ich eigentlich hier? Ich wollte nach Hause. Aber Jürgens Frau Lorella ist Saras große Schwester. Das ist Familie. Ihre Familie. Da muss man sich einmal pro Jahr zusammenreißen. Hinterher darf man toben, aber nicht währenddessen.
Im zweiten Spiel errang ich sechs Siegpunkte, bevor Jürgen in sein Horn tutete, um kundzutun, dass er bereits wieder fertig war. Ich verstand nun immerhin, wie der Hase lief und legte mir eine Strategie für die dritte Runde zurecht. Da fiel meine Frau mit dem Gesicht nach vorne ins Spielfeld und knickte ein paar Bäume um. Als ich ihren Kopf vom Tisch nahm, klebten ein Erz und ein Lehm an ihrer Wange.
„Mein schönes Spiel!“ jammerte Jürgen.
„Meine schöne Frau,“ jammerte ich. Lorella und ich trugen Sara auf die Couch und fächelten ihr Luft zu, während Jürgen sein Spiel nach meldefähigen Versicherungsschäden absuchte.
„Was ist?“ fragte ich besorgt.
„Met. Zuviel Met“, lallte meine Gattin. Leichenblass. Besoffen wie ein Polier beim Richtfest.
Wir verabschiedeten uns. Auf dem Weg zum Auto stützte ich mein bezechtes Weib so gut es ging. Diese machte eine bemerkenswerte Wandlung durch, je näher wir dem Wagen kamen. Als ich aufschloss, ging es ihr schon viel besser.
„Soll ich fahren?“, fragte sie. „Ich bin stocknüchtern“, fügte sie hinzu und berührte ihre Nase mit dem linken Zeigefinger.
„Und dieses Met-Zeugs?“
„Alles in der Hydrokultur. Als ich kapiert habe, dass Du mich nach diesem Abend vermutlich verlassen würdest, musste ich doch etwas unternehmen“, erklärte sie und griff nach dem Schlüssel. Eine tolle Frau, finde ich. Heute bin ich übrigens zufällig bei Jürgen und Lorella vorbeigefahren. Vor dem Haus stand so eine Hydrokultur. Sah ziemlich armselig aus. Eingegangen. Wahrscheinlich Alkoholvergiftung.