Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.12.2011

246_Weihnachtsgedicht

Frohe Weihnacht überall
Geschenkekauf in Überschall
Honigduft und Nussgeknacke
Wunschgezettel, Keksgebacke

Zitronat und Mandelkern
Stoßgebete an den Herrn
Mit Bitte um der Wünsche Prüfung
Nebst Revision und Annullierung

Von unten (Prien) bis rauf nach Kiel
Wird einem das schon jetzt zu viel
Und wo man hinkommt: Weihnachtsmarkt
Mit Crepes und Glühwein zugeparkt

Egal! Da muss man hin, da kommt man her
Am Rande wacht die Feuerwehr
Inmitten steht die große Tanne
Im Nebel von der Gyrospfanne

Der Vater sagt gleich: „Prinzipiell
Geb ich kein Geld für’n Ziegenfell
Für Duftkerz auch nicht, ganz bestimmt
Erst recht nicht für die Sorte Zimt

Das Kunsthandwerk ist mir egal
Wie Fußballer aus Portugal
Mir ist hier alles völlig Wurst
Im Übrigen habe ich Durst“

Doch Glühwein gibt es jetzt noch nicht
Man verschafft sich erst mal Übersicht
Fünfzig Buden haben sie hier
In einer gibt’s Geschenkpapier

Damit man alles was man rafft
Gleich verpackt nach Hause schafft
Das ist klug, sowie pragmatisch
Und irgendwie auch demokratisch

Denn ist erst mal blickdicht verpackt
Das hier gekaufte Artefakt
vergisst man auch kurzerhand
Was man da mit wem verband

Die Begehung dauert lange
Endlos ist die Crepe-Schlange
Vater untersagt den Kauf von Tand
Dann geht’s endlich zum Glühweinstand

Dort muss man saufen, lachen, johlen
Und einen nach dem andren hohlen
Die Kinder stehen konsterniert
Vorm Vater, der gar nicht mehr friert

Der dritte Glühwein kühlt das Mütchen
Und Vater schubst ein fremdes Hütchen
Der Dame vor ihm von dem Köpfchen
Ihr Mann ist gerade auf dem Töpfchen

Er kommt aber wieder und macht Stunk
Darauf spendiert man einen Trunk
Der fünfte steht nun auf dem Tisch
Dazu der Tochter Bratenfisch

Laut dringt das Liedgut aus den Boxen
Da muss der Vater plötzlich kurz in die Kneipe
gegenüber und auf der Toilette in das große
weiße Telefon hineinrufen
Blass kommt er, doch stolz zurück
Ein bisschen leichter, stumm vor Glück

Gebrochen ist sein Widerstand
Und er gibt mit schwacher Hand
Geld für Socken, Kerzen, Kunstgewerbe
Und eine bunte Steingutscherbe

Die hat an sich keine Funktion
Lautet des Sohnes Position
Er will zum Ausgleich auch was kriegen
Da gibt es etwas aufzuwiegen

Dann geht’s nach Hause reich behängt
Mit Kram, an den sonst keiner denkt
Den man auch wirklich nur jetzt will
Egal, jetzt seid mal ganz kurz still

Hört Ihr dies kleine Glöckchen helle?
Das klingt wie diese Bibelstelle
Wo der Heiland kommt zu Erden
Um zum Erlöser bald zu werden.

Vater ist blau, er hört gar nicht
Und hält kaum sein Balancegewicht
Die Straßen sind noch nicht gefroren
Es wachsen Zapfen aus den Ohren