Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.12.2011

247_Weihnachtswünsche

Jetzt hat Sara auch noch damit angefangen. Die Kinder machen das schon seit Jahren. Aber das eine erwachsene Frau ihre Wünsche mit Dringlichkeitssternchen versieht, das macht mir schon Sorgen. Früher haben sie die Weihnachtswünsche lediglich wie eine Hitliste notiert: Oben der große, der wichtige Wunsch, dahinter in absteigender Reihenfolge die weiteren Wünsche, weit unten auch mehr oder weniger ernsthafte Streichkandidaten wie „Früchtetee“ oder „Crackpfeife.“ Und nun haben die Bestellungen seit einiger Zeit also Sternchen.
Nick gab seinen Wunschzettel Ende November ab. Da liegen in den Zeitungen dicke Werbeheftchen der Spielzeuggeschäfte und –Hersteller. Für die erste Fassung seines Wunschzettels verwendete Nick eine Seite meines A2-Schreibtischunterlagenblocks für eine gigantische Collage. Er schnitt alles aus dem Spielzeugprospekt aus, was er unter dem Weihnachtsbaum liegen sehen wollte und klebte es auf den Bogen, dann malte er Prioritätssterne daran. Der „Millennium Falke“ von Lego erhielt zehn Sternchen.
Insgesamt zählte ich 41 Wünsche mit summa summarum 253 Sternen, wobei nicht ganz klar war, wie sich ein zehn Sterne-Geschenk dringlichkeitsmäßig von einem mit acht Sternen unterscheidet, zumal Nick fünfzehn Geschenke mit zehn, dazu acht mit acht und nur drei mit einem Stern versah. Unter den Ein-Sterne-Gaben befand sich eine Saftpresse.
„Was bitteschön willst Du mit einer Saftpresse?“ fragte ich, nachdem er sein Werk auf meinem Schreibtisch abgeliefert hatte. Nick sagte: „Meinen eigenen Saft pressen. Privatsaft. In meinem Zimmer.“ Dann ging er ebendorthin, um mit seiner neuen Hamsterin (er hat sie seit Oktober. Sie heißt Hämmi und ist die zweite Nachfolgerin von Gimli) einen Actionfilm zu drehen, der davon handelt, dass Hämmi aus einem Gefängnis ausbricht, ziellos durch Nicks Zimmer läuft und schließlich von einem als Darth Vader verkleideten Jungschauspieler mit einer Wasserpistole angeschossen wird. Am Ende sitzt Hämmi mit pochendem Herzchen in ihrem Käfig und guckt wie Claus Kleber kurz vorm Wetter.
Ich verwarf 35 Wünsche meines Sohnes, welcher daraufhin eine verkürzte Liste vorlegte, die nur mehr 18 Posten umfasste, von denen vier mit zehn Sternchen garniert waren. Ich besuchte meine Tochter, um auch dort einen Wunschzettel abzuholen. Der enthielt fünf Positionen, darunter ein eigenes Telefon. Das fand ich komisch, denn Carla verbringt viel Zeit bei Facebook. Ich dachte, das Telefon sei bei ihr und ihren Freundinnen nicht mehr en vogue. Sie erklärte mir, dass sie das Telefon brauche, um gleichzeitig mit einer Freundin zu sprechen und mit einer anderen zu chatten, während oben noch das Skype-Fenster für jemand Drittes geöffnet sei. Carla unterhält so eine Art Callcenter in ihrem Zimmer. Wenn es bei mir nicht mehr läuft, kann sie uns damit vor dem Untergang bewahren.
Ich fing an, im Internet zu recherchieren was die Wünsche meiner Kinder kosteten und wann die Budgetgrenzen erreicht waren. Da kam meine Gattin ins Büro. Sie habe gehört, man könne bei mir Wunschzettel abgeben, sagte sie und winkte mit einem Blatt Papier. Darauf standen Wünsche mit Sternchen zwischen eins und sechs. Sie sagte, dass diene meiner Orientierung. Ich folgte also den Sternen meiner Familie und wurde in den vergangenen Wochen zum Experten für PC-Lautsprecher, Handcremes aus Long Island und Actionfiguren. Auch ich wurde nach Wünschen gefragt, aber ich habe keine. Brauche nichts. Vielen Dank. Ich wünschte mir letztlich nur ein neues Kännchen zum Milchaufschäumen, weil Nick das alte im Sommer zu einer Rakete umgebaut, mit Rasenmäherbenzin betankt und in die Luft gesprengt hat. Ein Fünfsternegeschenk. Und ich wünschte mir Gesundheit. Nick und Carla waren empört. Das sei ein total uncooler Opawunsch. Mag sein. Aber ich würde hundert Sternchen dranmachen, wenn es hülfe.
An Heiligabend bekam ich ein Metallkännchen und einen stilsicher verpackten hölzernen Mundspatel geschenkt. Von meinem Sohn. Mit Filzstift hat er darauf geschrieben: „Gute Gesundeit für Papa.“ Ich werde das A-Hölzchen gut aufbewahren. Nichts ist wichtiger als gute Gesundeit.