Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.01.2012

249_Anruf von oben

Wie sich wohl ein Bundespräsident am Telefon meldet, wenn er jemanden anruft. Meistens wird er sich verbinden lassen. Es klingelt und ein Verbindungsoffizier sagt: „Guten Tag, hier ist das Bundespräsidialamt, ich verbinde Sie nun mit dem Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland.“ Dann hat man noch Zeit, den Rücken durchzudrücken und los geht es.
Aber was ist, wenn jemand wie der Herr Wulff anruft, weil er sich zum Beispiel über die Presse beschweren will? Da wird er ja vermutlich selber die Nummer gewählt und gleich losgelegt haben. Was genau hört man aber auf seiner Mailbox, wenn ein Präsident höchstpersönlich anruft? Vielleicht klingt es ja so: „Hallo? Hier ist Wulff. DER WULFF. Verstehen Sie?“ Hm. Nicht gut. Er kann ja nicht sicher sein, dass man auf Anhieb weiß, welcher Wulff das ist, wenn er den Amtstitel nicht erwähnt.
Daher wird er es vielleicht staatstragender formuliert haben. Etwa so: „Guten Tag. Hier ist der Herr Wulff. Also der Bundespräsident. Aber ich spreche heute nicht als Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland zu ihnen, sondern als einfacher Kreditnehmer.“ Nein, das klingt ziemlich anbiedernd. Wahrscheinlich sagte er eher so etwas wie: „Guten Tag, hier Wulff, äh. Der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen.“ Nee. Das ist ja noch seltsamer.
Dann doch vertraulich, schließlich ist das ja auch ein privates Telefonat, da protzt man nicht mit Titeln. Also: „Ja hi! Du, hier ist der Chrissie aus Hannover, weißt schon. Der Kumpel von der Vroni und vom Maschi.“ Obwohl, das hört sich entschieden zu wenig würdevoll an. Immerhin ging es um den Fortbestand seiner Amtsgeschäfte und das ist zumindest teilweise ein dienstliches Thema. Da muss man ernst bleiben. Wenn man übrigens findet, dass hier gerade die Würde des Amtes verhohnepiepelt wird, muss man sich vor Augen halten, dass bereits durch die Wahl Christian Wulffs das Amt des Bundespräsidenten verhohnepiepelt wurde.
Wie dem auch sei. Mich kann jeder Bundespräsident anrufen, um sich zu beschweren und ich leihe ihm auch zinsgünstig Geld. Für einen Tausender wäre so ein Staatsoberhaupt bei mir unbedingt gut. Es gibt nämlich kaum jemand kreditwürdigeren als den Bundespräsident. Der kann ja nicht einfach mit dem Geld abhauen, weil man immer weiß wo er ist. Und außerdem bekommt er eine anständige Schufa-Auskunft und er kennt Leute, die notfalls für ihn bürgen.
Wenn also der Herr Wulff bei mir angerufen hätte – egal warum – dann hätte ich mich gefreut. Alleine schon, weil ich eben gerne wüsste, wie der sich meldet. Er könnte allerdings am Telefon an unseren neunjährigen Sohn Nick geraten sein und das ist nicht unbedingt angenehmer als ein Anruf bei der BILD-Chefredaktion. Nick ist als Telefonist eine dramatische Fehlbesetzung. Seit Jahren versuche ich ihm beizubringen, Anrufe gewissenhaft entgegenzunehmen. Ohne Erfolg. Hätte der Präsident bei ihm angerufen, wäre es womöglich zu folgendem Gespräch gekommen.
„Hallo, hier ist der Nick.“
„Ja. Guten Tag. Mein Name ist Wulff. Kann ich mal mit dem Papa sprechen?“
„Dich kenne ich nicht.“
„Ich bin der Bundespräsident.“
„Kannst Du wie Darth Vader sprechen? Ich spreche so wie Yoda und Du musst als Darth Vader antworten. Also ich fange an: Wen Du sprechen willst?“
„Deinen Vater.“
„Keine Geduld Du hast. Wie Darth Vader Du reden sollst, wenn zum Ziel Du gelangen willst.“
„Ach so, ja. Gut. Von mir aus. (mit röchelnder Stimme). Hier ist der Bundespräsident. Die dunkle Macht muss mit Deinem Vater sprechen. Es ist dringend.“
„Nicht zuhause er ist. Aber ausrichten ich werde es ihm.“
Dann hätte mein Sohn aufgelegt und sich ein Nutella-Brot geschmiert. Schwacher Trost für Christian Wulff: Nick weiß noch nicht, wie man ein Telefonat aufzeichnet.