Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.04.2012

265_Aus Liebe zum Tier

Die Tierliebe scheint bei uns oft größer zu sein als jene unter den Menschen. Zwischen Mann und Frau kann die Zuneigung nach zehn Jahren durchaus Risse bekommen und zerbrechen, doch die Liebe des Menschen zu seinem Haustier ist beinahe grenzenlos belastbar. Hunde und Katzen dürfen, was Ehepartnern kaum je gestattet wird: Werktags stundenlang faul rumliegen, vor Gästen die eigenen Genitalien ablecken, auf den Teppich schiffen, Radfahrer jagen. Und während man es sich von Herzen verbitten würde, dass der Partner nach dem Essen das Geschirr ableckt, halten manche Menschen den eigenen Teller sogar ihrem Hund vor die Schnauze, damit er Saucenreste wegläppelt und dabei lustig guckt. Phänomenologisch hochinteressant geriet in diesem Zusammenhang der Auftritt des Schönheitschirurgen Doktor Mang, der neulich im Fernsehen mit seinem Labrador zu Tische saß, auf dass man beinahe nicht mehr wusste wer von den beiden Herrchen und wer Hund war.
Die Faszination der Liebe zwischen Menschen und ihren Schutzbefohlenen erlebe ich auch täglich bei unserem Sohn. Nicks dritter Hamster, ein noch junger Spund mit Namen „Hämmi“, wurde gestern Abend damit konfrontiert, dass sein Laufrad nicht mehr funktionierte. Der verwirrte Nager trampelte darin herum, doch nichts geschah, es setzte sich nicht in Bewegung. Nick hatte etwas in die Speichen geklemmt. Hämmi lief und lief auf der Stelle. Dann zog Nick den Bleistift heraus, das Rad drehte sich sehr plötzlich und zu Hämmis Überraschung und warf den Hamster raus. Der landete im Nagerstreu, putzte sein Fell und verzog sich dann stinksauer in seine Bude.
Wer nicht ständig im Gefühl der Überlegenheit gegenüber seinem Tier leben will, der muss sich etwas Großes zulegen, zum Beispiel einen Riesenkalmar. Diese Tiere nennt man verwirrenderweise auch Kopffüßer, obwohl sie gar keine Füße besitzen. Dafür haben sie aber zehn Arme von bis zu neun Metern Länge, mit denen sie ihr Herrchen liebevoll umgarnen können. Und sie verfügen über die größten Augen der Welt. 25 Zentimeter Durchmesser. Da kann kein noch so treu blickendes Pferd mithalten, nicht einmal Totilas. So heißt aktuell das berühmteste und beliebteste Dressurpferd der Welt.
Totilas ist übrigens nicht in Form, wie man hört. Es könnte sein, dass er gar nicht bei den Olympischen Spielen in London starten kann, weil er momentan bockig ist und womöglich falsch trainiert oder verkehrt geritten wird. Das ist jetzt jedenfalls ganz blöd, weil seinen Besitzern Kathrin Linsenhoff und Paul Schockemöhle auf diese Weise sehr viel Geld entgeht und Totilas ziemlich teuer in der Anschaffung war. Man spricht von 10 oder sogar 15 Millionen Euro, die der widerständige Deichselhirsch gekostet haben soll.
Es kann gut sein, dass man für Totilas nun anderweitig Verwendung finden muss. Aber wie spielt man die zehn Millionen wieder ein? Er könnte zum Beispiel in Wien einen Fiaker ziehen. Die große Tour dauert eine Stunde und kostet 105 Euro. Angenommen, Totilas würde den Job annehmen, müsste er, einen Arbeitstag von 12 Stunden und tägliche Beschäftigung übers ganze Jahr ohne Urlaub vorausgesetzt, 26 Jahre durch Wien stapfen. Das erscheint also recht wenig lukrativ. Würde der Rappe hingegen eine Talkshow im deutschen Fernsehen moderieren, könnte er bereits nach fünf Jahren schuldenfrei sein, wäre aber immer einem gewissen Quotendruck ausgesetzt. Und wer schon keinen Bock auf eine Galopppirouette hat, der wird kaum Lust auf deutsche TV-Kritiker haben. Fernsehen kommt für Totilas also auch nicht infrage.
Was soll nur aus dem Hottehü werden? Idee! Eine kleine Rechnung: So ein Totilas wiegt ungefähr 600 Kilo. Zieht man Knochen, Fell und innere Organe ab, bleiben noch ungefähr 100 Kilo verwertbares Pferdefleisch, aus denen man gut und gerne 400 Portionen rheinischen Sauerbraten herstellen und eintuppern kann, vorausgesetzt man hat genug Rosinen im Haus. Eine Portion Totilas-Braten kostet dann 25 000 Euro. Ich bin ganz sicher, es finden sich auf dieser Welt 400 reiche Menschen, die sofort bereit wären, diese Summe für eine derart exklusive Mahlzeit hin zu blättern. Aus Liebe zum Tier – und weil es so gut schmeckt.