Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.05.2012

268_Mein Papagei

Manche Unsicherheiten halten sich ein Leben lang. Soll man den Motor nun ausmachen oder anlassen, wenn man an der Ampel steht? Sind Mindesthaltbarkeitsdaten auf Salz ernst gemeint? Und heißt es Schullandheim oder Landschulheim? Letztere Frage regt wie so Vieles an einem durchschnittlichen Tag zum Googeln an. „Schullandheim“ hat im Gegensatz zu „Landschulheim“ einen Wikipedia-Eintrag. Da steht, was ein Schullandheim ist und dass es in manchen Gegenden auch Landschulheim hieße und dass die Kinder dort zur Landschulwoche hinfahren. Landschulheime sind nicht nur in manchen Gegenden Schullandheime, sondern andernorts Internate.
Nick musste in so ein Schullandheim oder Landschulheim. Fünf Tage. Und er fand schon allein das Wort bedrückend. Für ihn klang es nach Panoramaknast mit Schulunterricht. Daraufhin erzählte ich ihm, wie schön das sei und dass ich dort als Kind schon sehr viel Spaß hatte. Und dass es viele Kinder gebe, die davon träumen würden, nur ein einziges Mal in ein Schullandheim oder Landschulheim zu fahren. Doch er befürchtete eine Hirnwaschanstalt, eine Art mathematisches Umerziehungslager. Er würde das Abitur später am liebsten in den Prüfungsfächern Skateboard, Kleckern, Super Mario und Flatulieren ablegen. Das Lösen von Rechenaufgaben gehört dementsprechend nicht zu den Kernkompetenzen unseres Sohnes. Und die Perspektive, nun fünf Tage lang rechnen und im Vierbettzimmer schlafen zu müssen peinigte Nick. Auf dem Weg zum Landschulheim oder Schullandheim war er sehr schweigsam.
Also sagte ich ihm, dass dieses Heim nur 13 Kilometer von uns entfernt sei. Man könne notfalls zu Fuß dort hingehen. Das sei nur ein sehr strammer Fußmarsch. Aber er schaute aus dem Fenster und schwieg. Um ihn aufzumuntern erzählte ich ihm die Geschichte von dem Papagei, die neulich in der Zeitung stand und sich zuvor in Japan ereignete. Ein zahmer Papagei hat sich also dort in Japan mitten in der Öffentlichkeit auf die Schulter eines Mannes gesetzt. Die Polizei wurde gerufen, der Papagei musste mit auf die Wache, wo er von den Beamten verhört wurde. Und tatsächlich teilte der Vogel den Polizisten seine genaue Adresse mit. Er konnte sie auswendig und sagte sie mehrfach auf. Die Polizisten fuhren mit dem Papagei zu der genannten Adresse, wo dessen Besitzerin die Tür öffnete. Sie hatte ihm die Angaben beigebracht für den Fall, dass er einmal versehentlich entfliegen würde.
Nick reagierte verhalten. Ich fragte ihn, ob er zur Not unsere Adresse auch auswendig könnte, doch er brummte nur unwillig. Wir parkten vor dem Schullandheimoderlandschulheim und ich trug sein Gepäck hinein. Dann fuhr ich nach Hause.
Wir hörten zwei Tage nichts von unserem Sohn, aber gestern Abend gegen 23 Uhr stand er ohne Gepäck wieder vor der Tür. Ich war zu Tränen gerührt. Unser Sohn. Wieder da. Ich schloss ihn in die Arme und fragte ihn, ob das Heimweh tatsächlich so grauenhaft und die Mathematik so untragbar gewesen seien. Er verneinte. Wir setzten uns in die Küche und er sagte, das Schullandheim sei eine Sensation, es werde dort praktisch keine Sekunde lang gerechnet, sondern man fange dort Frösche, mache Blödsinn und entlause sich täglich bis Mitternacht bei Chips und Cola. Ich fragte ihn verwundert, warum er dann ausgerissen sei und er antwortete, das sei doch ganz klar meine Schuld. Ich habe ihn neugierig gemacht, weil ich behauptet hatte, es sei nur ein kleiner Fußmarsch. Um diesen zu unternehmen und uns einmal zwischendurch zu besuchen habe er sich im Rahmen der Nachtwanderung von der Gruppe abgeseilt. Es sei auch tatsächlich nicht sehr weit, jedenfalls nicht bis zum nächsten Ort. Dort habe er einem Taxifahrer angetroffen und ihm auswendig unsere Adresse aufsagen können, was diesen dazu veranlasst habe, ihn hierher zu fahren. Im Übrigen warte der Mann nun draußen auf die Begleichung des Fahrpreises.
Ich ging raus, zahlte 28 Euro, rief Nicks Lehrerin an, die ich im Wald auf der Suche nach unserem Sohn erreichte und heute Morgen habe ich ihn wieder ins Heim gebracht. Die sollen da gefälligst Mathe pauken und nicht so einen Blödsinn machen. Sowas.