Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.06.2012

272_Jürgen grillt

„Ich wollte Dich nur daran erinnern, dass wir am Samstag bei Lorella und Jürgen zum Grillen eingeladen sind,“ sagte Sara. „Da kann ich nicht“ antwortete ich reflexhaft. Lorella ist Saras Schwester, Jürgen ist ihr Mann. Ich habe schon von ihm erzählt. Er pocht drei Mal am Tag gegen eine Klangschale und sagt „ömmchen, ömmchen, wohl bekömmchen.“ Ich hasse ihn nicht, ich kann ihn nur nicht leiden. Außerdem fand an jenem Samstag das erste Spiel der Deutschen statt. „Wir haben fest zugesagt“ tremolierte meine Gattin. Das glaubte ich ihr nicht. Aber sie hatte Recht, der Termin stand im Kalender meines Computers. Ich hatte ihn selbst eingetragen, und zwar bereits am 14 Januar. Da kannte ich den Spielplan der EM natürlich noch nicht. „Ich gehe aber nur mit, wenn ich dort Fußball gucken kann,“ sagte ich listig.
Ich weiß, dass Jürgen keinen Fernseher besitzt und dachte, damit sei die Angelegenheit freundlich aus der Welt geschafft. Doch Sara teilte mir umgehend mit, dass Jürgen sich auf meine Fernsehsucht eingestellt und einen Apparat geliehen habe, damit ich ansehen könne, wie 22 Millionäre in kurzen Hosen hinter einem Ball et cetera perge, perge. Mein Widerstand war gebrochen.
Keine Sekunde vor 19 Uhr trafen wir letzten Samstag bei Jürgen und Lorella ein. Wir zogen uns die Schuhe aus und Gebetsschlappen an. Ich sah aus wie ein Mitarbeiter der tibetanischen Spurensicherung. Ich rechnete aus, dass ich genau 105 Minuten überstehen musste, bis ich endlich vor die Glotze konnte. Vorher wurde gegrillt. Vegetarisch. Gegen Gemüse vom Rost ist nichts einzuwenden. Aber muss man wirklich Fleisch und Wurst durch etwas ersetzen, das weder so aussieht, noch so schmeckt? Das wäre so, als würde man alkoholfreien Wein trinken. Jürgen tunkte ein blassgelbes Würstchen aus Sojabohnenmehl in Quark, biss ab und rief: „Das ist doch mal was ganz anderes als die Säugetier-Biomasse, die Du gedankenlos in Dich reinstopfst.“ Da hatte er Recht. Es war wirklich ganz anders, nämlich scheußlich. Genau wie die mit klebrigem Weizenfleisch gefüllte Paprika und der riesige Baumpilz, den Jürgen unfachmännisch, aber mit Schürze auf seinem Grill ankokelte. Dazu gab es Rotwein, der irgendwie komisch schmeckte. „Das ist ein alkoholfreier Wein, extra für Dich, weil Du Verantwortung im Straßenverkehr trägst.“
Nach 103 Minuten qualvollster Grillage kam mein Sohn weinend auf die Terrasse gelaufen. Ob es wahr sei, dass Jesus für seine Sünden qualvoll am Kreuz gestorben sei. Er war vollkommen verstört. Hinter ihm tauchte seine Cousine auf, Lorellas und Jürgens Tochter Irmine-Appolonia. Sie lachte wie frisch exorziert. Da wollte ich nach Hause, aber wenn wir jetzt fuhren, würde ich die erste Halbzeit glatt verpassen. Ich nahm Nick also an meine Seite und fragte tapfer nach dem Fernseher. Jürgen führte uns durch ein Labyrinth aus bemalten Tonkrügen, Gebetsteppichen und beleuchteten Salzkristallen, aus denen ejakulatös anmutende Flüssigkeiten blubberten. Er öffnete einen fensterlosen Abstellraum. Auf einem Tisch stand ein winziger Fernseher. „Ich möchte nicht, dass wir von der Strahlung verseucht werden, also habe ich es dahin gestellt, wo es am wenigsten Schaden anrichten kann.“ Damit schloss er die Tür. Nick und ich kauerten uns auf einen Umzugskarton und sahen das Spiel an. Vielleicht war es auch ein altes Match von 1984. Man konnte nicht viel erkennen. Aber es war immer noch besser als die eineinhalbstündige Vorführung von Jürgens Schrotmühle, die parallel im Wohnzimmer stattfand. Einmal hörte ich Menschen in Nachbarsgärten jubeln. Da wusste ich, dass wir ein Tor geschossen hatten. Sehen konnte ich es nicht.
Als wir nach Hause fuhren, sagte Sara, es sei doch ganz schön gewesen. Sie habe Jürgen und Lorella deshalb für den 1. Juli zu uns eingeladen. Zum Grillen. Ha! Meine Rache wird grausam sein, denn da ist das Finale. Es wird fettigste Schweinswürstchen geben. Ich bitte drei Dutzend Holländer, Engländer und meinen Schwiegervater dazu. Jürgen binden wir vor einer riesigen Leinwand fest. Ich werde ihm alle zwei Minuten zuprosten. Ömmchen, Ömmchen, wohl bekömmchen!