Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.07.2012

276_Traumatrödel

Es ist heute einmal an der Zeit, danke zu sagen. Und zwar meinen Kindern. Sie haben mich an Körper und Seele überraschend unverletzt durch ihre frühe Kindheit bugsiert. Diese Erkenntnis traf mich, als ich bei gefühlten 60 Grad Hitze den Dachboden aufräumte, weil meine Frau verhindern wollte, dass ich bei schönem Wetter zu sehr durchhänge. Sie ist so gut zu mir. Ich bin im Haushalt eine Art Brauereigaul. Solange man mich nicht in Bewegung setzt, stehe ich im Weg herum. Mit einer einigermaßen höflichen Ansage versehen verwandele ich mich jedoch augenblicklich in einen untalentierten Lackierer, Gärtner oder Dachbodenausmister.
Jedenfalls hockte ich vor einem riesigen Haufen Krempel, der im Laufe der Jahre unterm Dach verklappt und dem Vergessen anheim gegeben worden war. Mein Auftrag: Den Krempel sortieren. Links Müll, Mitte Trödelmarkt, rechts behalten. Als Erstes barg ich aus einem riesigen Karton ein Barbie-Haus. Es war noch komplett. Ich erinnere mich, dass wir es bei Ebay gekauft haben. Carla wurde beinahe bewusstlos vor Begeisterung, als es bei uns ankam. Ein Exzess thermoplastischen Kunststoffs, so ohne jede Hemmung scheußlich, dass ich es beinahe für Kunst hielt. Ich legte das Haus in die Mitte, weil sich bestimmt jemand findet, der dafür Geld bezahlt. Dasselbe gilt für das Polly-Pocket-Universum unserer Tochter samt mikroskopischen Abendschuhen. Und für das komplett abgetakelte Piratenschiff von Playmobil, welches ich in einer fünfstündigen Sitzung zwischen 20 Uhr und ein Uhr morgens an Heiligabend 2007 aus neun Millionen Einzelteilen zusammengefummelt habe. Die Welt schlief, als ich die Anker lichtete und den Kapitän ans Steuer stellte. Jetzt fehlen ihm Hut und Säbel.
Ich kramte in dem nächsten Karton herum. CDs und DVDs. Da muss man rückblickend sagen: Ein Glück habe ich das überlebt. Und ein Glück hat Fredrik Vahle das überlebt. Ich habe gelesen, dass er soeben siebzig Jahre alt geworden ist. Da gratuliere ich herzlich und bin froh darüber, dass wir uns nie persönlich begegnet sind. Jahrelang musste ich im Auto seine Lieder hören, alleine fünftausend Mal „Und das Radio macht Bla bla bla dudeliö dudeliö.
Und das Schäfchen macht Määäh-määh.
Und die Kuckucksuhr macht kuckuck kuckuck.
Und der Wecker macht Drnnn drnnn. Und das Glöcken macht Ding-dong.
Und das Hähnchen macht Kikerikiki. Jeden Morgen schon ganz früh.“ Ich bekomme schon Schweißausbrüche, wenn ich nur daran denke. Ich glaube, noch zwei Wochen länger das „Katzentanzlied“ oder „Higgelty, Piggelty Pop und Pu, und ich wäre bei dem Mann vorbei gefahren und hätte ihn vor den Augen meiner entsetzten Kinder mit einer Gitarrensaite erdrosselt. Dasselbe gilt für Detlev-„1,2,3 im Sauseschritt“-Jöcker. Die CDs kamen ebenfalls zum Trödelmarktzeug. So sieht meine Rache an der Gesellschaft aus. Warum soll ich der einzige Vater sein, der so etwas im Stau auf der A3 acht Stunden lang ins Unterbewusstsein gedudelt bekommt. Gleiches Unrecht für alle. Auch die DVDs mit den widerwärtigen „Fairytopia“-Filmen landeten auf dem mittleren Haufen. Furchtbarer Müll. Und alles von Bob, dem Hausmeister oder wie das heißt. Den fand Nick schon mit drei Jahren so öde, dass er den Fernseher mit M&Ms bewarf, sobald Bob darin auftauchte. Dasselbe galt für „Lauras Stern“. Dieser Film ist so phänomenal langweilig, dass unsere Kinder lieber malen oder draußen spielen wollten, wenn ich vorschlug, ihn anzusehen. Insofern doch ein echt guter Film, vom pädagogischen Standpunkt betrachtet. Als ich fertig war mit meiner Arbeit, befand sich alles auf dem Flohmarkthaufen, mal abgesehen von dem funktionsuntüchtigen Staubsauger. Der lag einsam rechts bei „behalten.“ Gut, er ist kaputt. Aber ich habe ihn mit in die Ehe gebracht und er hat eine symbolische Bedeutung für irgendetwas in meinem Leben. Ich werde noch rausfinden wofür genau.
Ich packte alle Dinge wieder in die Kartons, machte das Licht aus und ging nach unten. Ich habe keine Zeit für Trödelmärkte. Aber wenn wir es mal schaffen, um vier Uhr morgens unser Auto mit dem Zeug vollzupacken, habe ich es zumindest schon einmal sortiert.