Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.08.2012

282_Ein Warnhinweis

Wir leben im Zeitalter der vorbeugenden Hysterie, welche zumindest unter Amerikanern mit der Herstellerhaftung zu tun hat. Um Klagen ihrer zänkischen Zeitgenossen vorzubeugen, steht dort auf praktisch jedem Produkt eine Warnung: Achtung, Kaffee kann heiß sein. Vorsicht: Bitte lassen sie niemanden in der Waschmaschine mitfahren. Nehmen Sie das Baby aus dem Kinderwagen, bevor sie diesen zusammenfalten. Das Superman-Kostüm ermöglicht es nicht, zu fliegen. Bitte Kleidung vor dem Bügeln ausziehen.
Aber bevor wir uns zurücklehnen, um über die seltsamen Amis zu spotten, müssen wir selbstkritisch zugeben: Auch bei uns wird ständig gewarnt. Beinahe hat man den Eindruck, wir Deutsche seien zum Leben zu doof. Die Gesundheitshinweise auf Zigarettenschachteln sollen zum Beispiel noch einmal vergrößert werden. So wünscht es sich der EU-Gesundheitsminister John Dalli. Bisher sind die Zigarettenpackungen ungefähr zu vierzig Prozent von Warnungen bedeckt. Dalli hätte gerne 75 Prozent. Nicht, dass ich Mitleid hätte mit den Tabakdealern, aber das kommt mir irgendwie hysterisch vor. Glaubt denn wirklich noch irgendjemand, dass Rauchen gesund sei? Im nächsten Schritt werden auch die Zigaretten selbst beschriftet. „Igitt,“ steht dann auf dem Papier. Und bei der übernächsten Verordnung wird der Zigarettenqualm grün eingefärbt und verdichtet sich über dem Haupt des Rauchers zu einem schwebenden Totenkopf.
Fair wäre es, wenn auch Süßigkeiten mit Warnhinweisen bedruckt würden: „Von Snickers bekommen Sie einen fetten Hintern“. „Achtung: Mars macht sowas von gar nicht mobil.“ Auf jeder Bierflasche stünde: „Dieses Getränk macht wahnsinnig dick“. An allen Autos prangte neben dem Kennzeichen ein zusätzliches Schild: „Autofahren schadet der Umwelt. Fangen Sie gar nicht erst damit an.“ Wie ich uns Deutsche kenne, würden wir das noch begrüßen. Wir mögen es einfach, wenn man sich um uns kümmert. Solange wir versorgt und beschützt werden und immer wissen, was wir tun und lassen sollen, haben wir das Gefühl, in einem funktionierendem Staat zu hausen. Dass wir uns allmählich überkümmern, merken wir gar nicht mehr. Und dass dies unseren Kindern schadet, kann man nur äußern, wenn man bereit ist, sich von besorgten Müttern mit Kindersitzschalen verprügeln zu lassen.
Im Fernsehen sah ich einen Mann, der sich Spielplätze ausdenkt. Er beklagte sich darüber, dass diese heutzutage so langweilig seien. Kein Abenteuer, keine Gefahr, keine Aussicht auf irgendwelche mit waghalsigen Kletteraktionen errungenen Eroberungen. Ständig hätten die Eltern davor Angst, dass etwas passiert. Dabei war doch genau dies eigentlich immer das Schöne am Kindsein, dass nämlich etwas passierte. Langweilig wird es später auf jeden Fall noch. Warum sollte man den Kindern also nicht etwas Aufregung gönnen?
Weil Aufregung gefährlich ist, sagen die so genannten Schneepflugeltern. Sie schieben ihren Kindern sämtliche Hindernisse aus dem Weg. Sie verklagen Schulen, weil sie schlechte Noten nicht akzeptieren. Sie statten ihre Kinder mit Helmen, Knie– und Ellbogenschonern aus, bevor diese auf eine Rutsche steigen. Sie gehen zu Elternabenden – und zwar in der Universität. Die Spannung, die in einem Kinderleben heute steckt, rührt nicht mehr daher, dass es gelungen ist, unverletzt von einem Apfelbaum zu springen. Vielmehr wurde das zwölfte Level absolviert, ohne dass die Spielfigur von Monstern gefressen, Laserstrahlen durchbohrt oder Polizeiautos überfahren wurde. Das ist natürlich spannender als der doofe olle Apfelbaum. Außerdem regnet es in Kinderzimmern mit Spielkonsolen nicht. Man muss nicht mühsam mit dem Fahrrad in den Wald gurken, um ein Baumhaus zu bauen, sondern kann es sich online zurechtzimmern.
Mir tun die Kinder leid. Arme blasse Kids mit weichen Gesichtern und weichen Popos vom zu viel drauf rumsitzen. Ihre Eltern müssen nie Pflaster kleben und sitzen nie im Krankenhaus neben einem Sohn, der sich in der Seifenkiste ein Bein gebrochen hat. Deshalb also heute eine Warnung, die man jungen Eltern auf die Stirn tätowieren sollte, damit die Kinder sie immer gut sehen können: „Achtung, diese Leute können Dir die Kindheit versauen.“