Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.09.2012

283_Vintage-Weiber

Meine Kulturtechnik zur Vermeidung von Gesprächen mit unangenehmen Zeitgenossen: Ich meide sie, wo ich kann, bleibe fern, wenn ich irgendwo Idioten vermute. Und wenn das nicht geht, schweige ich. Ich schrumpele absichtlich in mich zusammen und zerfalle bei Berührung mental zu Staub. Habe ich schon oft geübt. Abende lang geschwiegen und geschrumpelt und gestaubt. Das hat Sara nicht gefallen. Sie selbst bevorzugt eine Umarmungsstrategie und ist gegenüber schlimmen Leuten extrafreundlich. Nicht, dass sie gerne blöde Menschen kennenlernt oder sich um deren Wertschätzung bemüht. Aber sie möchte sich nicht mit schlechten Gefühlen belasten.
Wir saßen im Auto und debattierten über den Besuch eines Sommerfestes. Ich glaube, 85% aller Pärchendiskussionen im Auto drehen sich um das Fahrtziel. Einer will immer nicht hin. Meistens ich. Der Grund hieß Gerald. Ich treffe ihn seit 1999 einmal im Jahr auf dieser Sommerparty. Er ist passionierter Segler und gerade zum fünften Mal verheiratet. Nicht, dass ich was dagegen hätte, aber es wundert mich, denn der Mann ist wahrhaft kein Fest fürs Auge. Und er redet nur blödes Machozeug. Ich trete für die Gleichberechtigung der Frau in jeder Lebenslage ein und meine Gattin belohnt mich dafür, indem sie sich ausgerechnet mit diesem chauvinistischen Troglodyten unterhält. Und dabei auch noch lacht.
Gerald trug einen albernen hellblauen Seersucker-Anzug. Ich beobachtete ihn eine halbe Stunde lang und meine Abscheu kannte keine Grenzen. Dabei überlegte ich, wie man so einer Gestalt beikommt. Wenn ich nicht freundlich zu ihm sein wollte und nicht schweigen durfte, dann gab es nur eine Möglichkeit: Noch schlimmer zu sein. Den Feind mit den eigenen Waffen besiegen. Ich sah ihm weiter zu und studierte sein Verhalten. Gerald hatte Manieren wie ein Hunne. Während er sprach riss er ein Stück Pappe aus seiner Zigarettenschachtel und reinigte sich damit die Zähne. Seine Firma arbeitet Möbel auf. Sie kaufen Trödel in der Dritten Welt, schmieren irgendeine blöde Paste drauf und verkaufen ihn als Vintage-Möbel mit Used-Look an Einrichtungshäuser und im Internet. Kolonialstil und so. Geht wie blöd. Gerald kann stundenlang davon erzählen. Richtig schlimm wurde es, als seine Frau um die Ecke bog. Er präsentierte sie den umstehenden Opfern als seine „neue Alte.“ Sie habe ihn bereits jetzt mehr Geld gekostet als er jemals mit Couchtischen verdienen könne, aber der Spaß, den er mit ihr habe, würde dieses Investment absolut rechtfertigen. Und meine Frau? Lachte! Kurz danach ging sie weg, um sich etwas zu trinken zu holen.
Ich stellte mich zu Gerald, reichte ihm die Hand. Er begrüßte mich erstaunlich freundlich mit dem Hinweis, das Beste an mir sei auf jeden Fall mein Weib. Ich lächelte, trank mein siebtes Glas Weißwein in einem Zug aus und sagte: „Ja, Gerald. Da habe ich auch ganz schön Kohle reingebuttert. Frauen sind auch über Vierzig noch interessant – wenn man ein bisschen nachhilft. Bei meiner ist der Lack ja im Grunde ab. Aber da schmiert man was drauf und wickelt die Ware ordentlich ein, dann geht das schon irgendwie. Gut, das wird natürlich mit jedem Ehejahr teurer. Aber neue Frauen kosten auch, gerade am Anfang. Ich sage immer: So eine Frau über vierzig, die ist wie ein gebrauchter Kleiderschrank: Man weiß, wo alles ist und in die dunklen Ecken guckt man nicht mehr. Und man mag die Patina. Gerade die Kratzer und Dellen machen so eine Frau ja unverwechselbar. Der Charakter kommt ja sowohl bei Schränken als auch bei Frauen überhaupt erst bei den Fehlern zum Ausdruck. Das ist es doch, was wir wollen. So eine richtige Frau, die braucht den Used-Look. So ein Vintage-Modell ist doch viel glaubwürdiger als ein glattes neues Schleiflack-Kommödchen, wenn Du verstehst, was ich meine.“ Gerald nickte zögerlich. Dann war mein Pulver verschossen. Niemand sagte etwas, aber alle sahen mich an. Naja, eigentlich sahen sie nicht mich an, sie sahen Sara an, die hinter mir stand.
Auf dem Rückweg sprachen wir erst einmal nicht. Nach zehn Kilometern entschuldigte ich mich. Und Sara sagte: „Musst Du nicht. Ehrlich gesagt: Ich fand Dich noch nie so männlich wie vorhin.“ Also ehrlich. Manchmal verstehe ich die Frauen einfach nicht.