Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.09.2012

284_Sir Jack

Die Ferien sind so langsam vorbei, aber ich fürchte, ich muss noch einmal verreisen, um mich von unserem Urlaub zu erholen. Genauer gesagt von Sir Jack. Der hat mich jetzt drei Wochen auf Trab gehalten. Aber der Reihe nach. Unser Urlaub in Italien versprach ja erst einmal schön zu werden. Wir hatten ein Haus gemietet mit einem Pool und die Kinder stürzten nach achtstündiger Autofahrt darauf zu, bereit in Klamotten hinein zu springen. Am Rand des Schwimmbeckens saß ein ziemlich großer, eine Art vanillefarbener Hütehund. Er machte auf Anhieb einen eher phlegmatischen Eindruck. Nick hüpfte jedenfalls in voller Montur ins Wasser. Darauf sprang der Hund hinterher, pflügte durch den Pool, griff mit der Schnauze den Arm meines Sohnes und zerrte ihn zum Beckenrand. Dann krabbelte er aus dem Bassin und bellte so lange, bis ich meinen Sohn herausgezogen hatte. Carla ging währenddessen auf der anderen Seite in den Pool. Als der Hund das bemerkte, stürzte er sich abermals hinein und rettete sie. Er rettete auch mich. Und Sara. Wann immer sich einer von uns zu Wasser ließ, sprang er hinterher und holte uns raus. Widerstand war zwecklos.
Den ganzen Tag versuchten wir, den Hund auszutricksen, mit Wurst abzulenken oder zu überfordern, indem wir alle gleichzeitig von verschiedenen Seiten das Schwimmbecken enterten. Aber er sprang, holte erst die Kinder aus dem Wasser, dann uns. Anschließend schüttelte er sein Fell und setzte sich mit heraushängender Zunge an den Rand des Pools. Am späten Abend verschwand er. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück gingen wir mit Büchern, Zeitschriften und Sonnenmilch an den Pool. Der Hund war schon da. Und er rettete uns. Solange, bis niemand mehr ins Wasser wollte. Nachmittags ging ich in die Dorfbar und erkundigte mich, ob sie dort vielleicht einen Hund kannten, der als Bademeister arbeitet. „Das ist Sir Jack,“ sagte der Barbesitzer und die umstehenden Italiener lachten. Dann erklärte er mir, dass Sir Jack eigentlich einem pensionierten britischen Admiral gehört habe, der bis vor zwei Jahren in der Gegend ein Haus besaß. Dieser Admiral habe Sir Jack zum Lebensretter ausgebildet. Als der Mann starb, wurde das Haus verkauft. Seitdem streunt der Hund durchs Dorf. Im Winter liegt er meistens vor der Bar, aber den Sommer verbringt er an den Pools der umliegenden Ferienhäuser und rettet die Gäste. Ich fragte ihn, was man dagegen unternehmen könne. Der Barmann sagte: „Abreisen. Oder nachts baden. Da schläft Sir Jack.“
Also badeten wir nachts. Das war zwar schön, aber nicht so gut wie am Nachmittag, wo normale Menschen in Swimming Pools springen, schwimmen, Spaß haben. Zwei Wochen lang lag ich am Pool und sah den Hund an, der wiederum mich ansah, in freudiger Erwartung meiner Lebensrettung. Am sechsten Tag schafften wir es, für elfeinhalb Minuten ohne Sir Jack zu baden, weil es da regnete. Und bei Regen hatte er keine Lust, uns zu retten. Aber sonst war leider die ganze Zeit schönes Wetter.
Einmal fuhren wir nach Spoleto und sahen uns die Stadt an. Sehr hübsch. Wir kehrten am späten Nachmittag zurück und Sir Jack – war weg. Offenbar hatte er angenommen, wir seien abgereist und sich auf die Suche nach einem anderen Schwimmbad gemacht. Wir liefen in besinnungsloser Freude an den Pool, sprangen hinein, johlten vor Glück – da brach Sir Jack durch den Kirschlorbeer und rettete uns. Am nächsten Tag packten wir die Koffer, beluden das Auto und verabschiedeten uns von Sir Jack. Wir fuhren eine Stunde lang ums Dorf herum und dann zurück zum Haus. Der Hund war verschwunden und tauchte erst auf, als wir schon volle zwanzig Minuten im Wasser waren. Danach funktionierte der Trick nicht mehr.
Am vorletzten Tag entdeckte ich das Gästebuch des Hauses. Nette Leute hatten hinein geschrieben, dass es nicht möglich sei, Sir Jack mit Stofftieren oder Gummielefanten abzulenken. Ich schrieb meine Telefonnummer hinein und den Hinweis, dass man mich in Sachen Sir Jack anrufen könne. Und eben klingelte dann tatsächlich das Telefon. Ein dänischer Familienvater war dran. Sehr freundlich. Ich sagte ihm, dass man nachts gut baden könne und verriet ihm den Abreisetrick. Den kannte er schon. Im Hintergrund hörte ich einen Hund bellen. Sir Jack hat wieder jemanden gerettet.