Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.09.2012

285_La Paloma Nossa

Der so genannte Sommerhit gehört zu den zahllosen ästhetisch abwegigen, aber identitätsstiftenden Spezialitäten unseres kleinen Landes, ähnlich wie mariniertes Halsgrat oder Füßlinge. Das sind diese Söckchen, die man in der Fußgängerzone aus Turnschuhen ragen sieht. Auch und besonders bei Männern. Positiv formuliert untermalt der Sommerhit als inoffizieller Soundtrack die Ferienzeit. Ist diese vorüber, nehmen die Deutschen das Lied mit aus dem Urlaub nach Hause und dudeln es so lange den Nachbarn ins Gemüt, bis diese eines Tages vor der Tür stehen und wortlos mit einem Wagenheber losdreschen. Und das alles wegen eines Liedchens, das bereits im Oktober jedem seiner Käufer peinlich ist. Der Sommerhit ist Zeichen der Zeit und Ausdruck seiner Deformation in ein dreieinhalb Minuten dauerndes Stückchen Popmusik. Insofern wieder kulturhistorisch interessant. Aber eben fragwürdig. Man will nicht unbedingt an die größten Störfälle erinnert werden.
Zutiefst erschüttert habe ich heute die Sommerhits der letzten 17 Jahre auf den Tisch bekommen. Die meisten dieser Lieder sind vergessen. Wie ging noch mal „Maria“ von US5 (2005)? Oder „Around the World“ von ATC (2000)? Weiß ich nicht mehr. Man wird alt, wenn man diese Sommerhits entweder nicht kennt oder blöd findet oder beides. Ich erinnere mich dunkel an eine seltsame rumänische Nummer von 2004. Die hatte einen dem Tarzanruf nicht unähnlichen Refrain, in dem immer „Maja hii, Maja huu, Maja hoo, Maja haha“ gerufen wurde. Sommerhits werden ja meist von einer gewissen textlichen Einfalt dominiert. Es ist auch egal, worum es in „We no speak Americano“ (2010) oder „Samba De Janeiro“ (1998) geht. Hauptsache, man kann darauf tanzen. Manche Sommerhits bringen sogar eigene Tänze hervor, den „Macarena“ (1996) zum Beispiel oder den „Lambada“ (1989), bei dem die Tänzer aussahen wie Spermien unter dem Mikroskop. Millionen von Deutschen haben das ausprobiert damals und es war kein Fest fürs Auge. Muss man mal sagen. Inzwischen ist eine grundsätzliche Veränderung eingetreten.
Erfolgreiche Interpreten haben nämlich inzwischen komplizierte Namen. Es kommt „vs.“ darin vor, oder „feat.“ Und dazu jede Menge „x“ und „z“ und Bindestriche, sowie Abkürzungen. Die Stars heißen heute wie Schlagbohrmaschinen oder Deodorants. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, ich bin nicht mehr Zielgruppe. Sollen sich meine Kinder damit abplagen. Aber so richtig warm ums Herz wird mir nicht, wenn ich den Namen Yolanda Be Cool & DCUP höre. Irgendwie traurig. Aber früher war auch nicht wirklich alles besser, man denke nur an das schwüle „Sun of Jamaica“ von Oliver „Minipli“ Bendt und seiner Goombay Dance Band.
Der allererste Sommerhit, an den ich mich erinnern kann, hieß „Paloma Blanca“ und stammte von einer ruchlosen holländischen Combo namens George Baker Selection. Heute würde die wahrscheinlich GEO vs. Baker feat. Xelection heißen. Jedenfalls muss das Mitte der Siebziger Jahre gewesen sein. Ich weiß noch, dass wir Urlaub auf Sylt machten. Alle Bilder haben einen Orange-Stich. Es gibt Fotos von meiner Mutter in einer samtenen gelben Hose, von meinem Vater mit Zeitung im Strandkorb und von mir mit von Sylter Sand panierter Haut. Und dazu wochenlang das fröhliche Geflöte des wollmähnigen George und seiner Freunde.
Und heute? Das Rennen um den Sommerhit 2012 ist noch nicht gelaufen. Ich habe eine Umfrage bei meinen Kindern absolviert. Welcher ist der Sommerhit und was verbindest Du damit? Carla antwortete mir, dass es sich nur um „One Day“ von Asaf Avidan handeln könne, das höre sie immer mit ihrer Clique, wenn sie zum Baden gingen. Das klang ganz gut. Dann ging ich zu Nick. Er stand im Badezimmer und befüllte Luftballons mit Wasser. Auf meine Frage rief er: „Nossa Nossa!“ Es erinnere ihn an die bevorstehende Wasserschlacht mit Kumpel Finn. Dann schleppte er seine Wasserbomben in den Garten. Eine fiel ihm im Flur aus der Hand. Ich half ihm, das Wasser aufzuwischen. Riesensauerei. „Nossa Nossa“ machte es die ganze Zeit in meinem Kopf. Nossa! Nossa! Tja. Der Sommerhit hat mich erwischt.