Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.11.2012

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Der Beginn des Karnevals hat in den meisten Gegenden Deutschlands keine besondere Bedeutung, was wohl damit zusammenhängen mag, dass man den Karneval vielerorts ganz einfach doof findet. In München, Cottbus, Berlin oder Hamburg passiert am 11.11. praktisch nichts, was nicht auch am 10. oder am 12.11. geschehen könnte. Auch im Rest der so genannten närrischen Session ist in diesen Städten nicht besonders viel los. Selbst Bottrop, die offizielle Partnerstadt von Berlin-Mitte, ist im Vergleich zur Hauptstadt karnevalistisch betrachtet ein hyperaktiver Vulkan. Und in München besteht der Fasching im Wesentlichen aus gemütlichen Bällen. Den Höhepunkt des närrischen Treibens bildet in der bayerischen Metropole der Tanz der Marktfrauen auf dem Viktualienmarkt, ein Spektakel, an dem sich alljährlich um die 10 000 Münchner ergötzen. 10 000. Das entspricht in etwa der Besucherzahl einer achtzig Quadratmeter großen Kölner Eckkneipe am Rosenmontag. Aber man darf nicht ungerecht sein. In München wird das Volk schließlich das ganze Jahr über mit dem närrischen Treiben des fröhlichen Dreigestirns aus Prinz Seehofer, Bauer Söder und Jungfrau Dobrindt bestens unterhalten. Und wofür die Kölner rein sauftechnisch drei Monate brauchen, das erledigen die Münchner in zweieinhalb Wochen Oktoberfest.
Die rheinischen Rituale beginnen jedenfalls am 11.11. mit groß angelegten Festivitäten, die auf Außenstehende durchaus befremdlich wirken. In Köln wird zum Beispiel an vielen Orten der „Nubbel“ aufgeknüpft. Beim Nubbel handelt es sich um eine mit Stroh ausgepolsterte Gestalt, die bis zum Aschermittwoch an vielen Gasthäusern hängt. „Nubbel“ ist aber auch eine Art kölsches Füllwort, das im Grunde nichts Konkretes bedeutet. Wenn von „irgendwem“ die Rede ist, dann spricht man vom Nubbel. Wenn jemand „irgendwo“ ist, dann ist er beim Nubbel. All diese Eigenschaften haben dazu geführt, dass man in Berlin den Nubbel hier und da mit dem Niebel verwechselt, der ebenfalls erstens gut ausgepolstert und zweitens ständig irgendwo ist. Aber im Gegensatz zum Nubbel wird dem Niebel nicht an Aschermittwoch der Prozess gemacht. Da verlesen die Kölner eine Anklageschrift, befinden den Nubbel für schuldig und verbrennen ihn, was die Kölner mit einem letzten Schnaps begießen, um dann für drei bis zehn Tage ins Bett zu gehen.
In Düsseldorf gibt es keinen Nubbel, dafür aber den Hoppeditz. Die Beiden haben wenig mehr miteinander gemein, als dass auch der Hoppeditz am Ende sterben muss. Vorher treibt er sich als Schelm mit Narrenkappe im Karneval herum. Der Hoppeditz wird am 11.11. an zentraler Stelle in vielen rheinischen Gemeinden zum Leben erweckt. Dieser Vorgang hat durchaus etwas Gespenstisches an sich. Vor Jahren luden Sara und ich meinen Schwiegervater Antonio Marcipane ein, uns zum Hoppeditz-Erwachen zu begleiten. Wir dachten, dass ihm das gut gefallen würde, weil er Prozessionen aller Arten schätzt, ganz egal, ob es um Jesus, den Mindestlohn oder die Verhinderung einer Windkraftanlage geht. Er ist einfach gerne an der frischen Luft und unter Leuten.
Zunächst spielte karnevalistische Marschmusik, dann wurde ein weißer Sarg herangetragen, was Antonio dazu veranlasste, sich andächtig in den Schritt zu greifen. Die Holzkiste wurde auf einer Bühne abgestellt und eindringlich besprochen. Dann zählte ein dicker Mann die letzten zehn Sekunden herunter und als es elf Uhr und elf Minuten wurde, flog der Deckel auf und der Hoppeditz sprang aus dem Sarg. Antonio erschreckte sich derart, dass er beinahe in Ohnmacht fiel. Da hatte er jahrzehntelang mit dem düsteren katholischen Mythos der Auferstehung gelebt, war schon als Kind im Messdienergewand der Osterprozession mit tödlichem Ernst gefolgt. Und dann sowas: Aus dem Sarg hopste ein Clown, der in seiner ersten Amtshandlung ein Glas Bier austrank und dann „Helau“ brüllte. Antonio war fassungslos und sagte: „Keine Ahnung von die Ehre der Toten abbe sie, die Deutsche.“ Er brauchte dann vier Bier, bis er über den Schock hinweg kam. Schließlich war er dann doch der Meinung, dass es sich durchaus lohne, die Toten einmal im Jahr zu wecken. Der Karneval hatte gewonnen, wie er bei jedem gewinnt, der sich nur auf ihn einlässt.