Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.12.2012

299_Die Energiewende

So ein Leben als Vater ist nicht immer ganz einfach. Man hat nämlich verschiedene Funktionen zu erfüllen und muss flexibel genug sein, um in Sekundenschnelle zwischen seinen Aufgaben hin – und her zu wechseln. Ich bin zum Beispiel Koch und Reiseleiter, aber auch Geldautomat und Chauffeur, der vier Pubertiere schweigend nach einer Party durch die halbe Stadt gondelt und sämtliche Indiskretionen, die dabei ausgetauscht werden, zwar dankbar anhört, aber natürlich niemals ausplaudern würde. Gut, dass der Moritz so krass viel von dem Pernod getrunken hat, dass ihm die Brille ins Klo gefallen ist, fand ich natürlich endslustig, aber ich kann es gut für mich behalten. Wirklich. Ehrlich.
Die wichtigste Dienststelle, die ich innerhalb unseres Haushaltes bekleide war jedoch bisher die der Hausdame. Ich lüfte. Ich räume Schuhe auf. Ich hänge Jacken an Haken und suche Wäsche zusammen. Das habe ich nun davon, dass ich zuhause arbeite. Und nun habe ich noch eine Bestimmung gefunden, die sämtliche anderen Positionen überstrahlt: Ich bin der Lichtwärter. Das kam so.
Wir saßen zusammen am Tisch und ich rechnete den Kindern vor, dass wir mehrere hundert Euro im Jahr verschwenden, weil bei uns eigentlich immer Festbeleuchtung herrscht. Manchmal, wenn ich von meinen Reisen komme, leuchtet unser Haus von außen wie ein riesiges Glutnest. Ich erklärte Carla und Nick, dass Strom teuer ist und noch teurer wird und dass man ihn nicht verschwenden muss. Ich appellierte an die Vernunft der Kinder. Dann bat ich darum, von nun an, immer das Licht hinter sich auszumachen. Sohn und Tochter nickten verständig und ich strich beiden übers Haar. Dann stand Nick auf und ging auf die Toilette. Zehn Minuten später löschte ich fünf Lichter. Das im Klo, zwei im Flur, das in der Küche und das im Vorratsraum. Er hatte dort Klopapier geholt.
Ich versuchte es mit Belohnungen. Wer ein Licht ausmache, werde von mir dafür gelobt. Der Effekt war gleich Null. Meine Kinder wollen nicht gelobt, sie wollen massiert werden. Also stellte ich Nacken– und Fußmassagen in Aussicht. Dies hatte zur Folge, dass meine Frau nun abends demonstrativ irgendein Licht an und wieder ausmachte, um sich dann von mir zwanzig Minuten lang die Fesseln walken zu lassen. Ich musste die Schulter meiner Tochter massieren, nachdem sie die Stehlampe ausgeknipst hatte, die ich eigentlich zum Lesen brauchte. Ich glaube, so funktioniert das nicht mit der Energiewende. Wenn Peter Altmeier das halbe Kabinett durchkneten muss, bloß damit die Kollegen nach dem Pieseln das Licht auf dem Klo ausmachen, kann das nichts werden. Nein: Belohnungen bringen nichts.
Also versuchte ich es mit Strafen. Ich berechnete für jede angelassene Birne 50 Cent und kündigte an, jedes Vergehen bei künftigen Taschengeldzahlungen in Abzug zu bringen. Am nächsten Morgen zählte ich 18 Lichter, die ich hälftig den Kindern zuschrieb. Bis zum späten Abend hatten sich deren Schulden auf 14 Euro (Nick) und 16,50 (Carla) kumuliert. Nach drei Tagen wurde mir klar, dass meine Kinder vermutlich mit etwa 3859 Euro Schulden bei uns ausziehen würden. Das wäre kein schöner Einstieg in die Erwachsenenwelt. Und außerdem begann Sara mich zu verhöhnen, weil ich dauernd mit einem Klemmbrett durch die Bude lief, um einzutragen, wer mir wie viel Lichtgeld schuldete. Also ließ ich die Strafen sein.
Aber ich gab nicht auf. Als Konsequenz schraubte ich die 17 am häufigsten brennenden Glühlampen aus ihren Fassungen und wartete ab. Die Kinder haben sich schnell daran gewöhnt. „Facebook geht auch ohne Licht“, sagte Carla und lächelte mich, sinister von ihrem Bildschirm beleuchtet, an. Meine Kinder nannten mich nur noch das Gespenst von Canterville, weil ich immer mit einer Kerze durchs Haus lief. Dann fiel ich im Dunkeln über Nicks Schlittschuhe und stürzte die Treppe hinunter. Es ist mir nichts passiert. Danke der Nachfrage. Aber anschließend habe ich die Birnen alle wieder eingeschraubt. Das ist ja lebensgefährlich sonst. Die Kinder haben gewonnen. Ich spare dann eben woanders – und stelle ab morgen tageweise das Wasser ab. Die werden sich noch wundern.