Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.01.2012

300_Meine Jahresbilanz

Was war denn nun das Thema 2012? Die Medien suchen jedes Jahr danach, dabei ist die Antwort so einfach: Das größte Thema überhaupt ist die Überforderung der Welt mit dem Fortschritt. In diesem Jahr sah man das vor allem wieder im Nahen Osten. Dort ringt man um Modernität. Auf Ergebnisse dieses Kampfes werden wir allerdings noch ein wenig warten müssen, denn der islamische Kalender steckt tief im Mittelalter fest und schreibt das Jahr 1434. Andererseits befindet sich der hebräische Kalender bereits im Jahr 5773 und doch ist Israel noch nicht sehr viel weiter als der Iran.
Wir in Europa hingegen sind schon sehr fortschrittlich. In Österreich gab es zum Beispiel dieses Jahr geschälte Bananen zu kaufen, die zu ihrem Schutz in Plastik verschweißt wurden. Und in Deutschland änderte die Post den Zugang zu ihren so genannten Packstationen dergestalt, dass niemand mehr an sein Paket kam, sie führte sich quasi selbst ad absurdum. So etwas ähnliches hat am Ende des Jahres auch der Musiker Beck Hansen gemacht. Er veröffentlichte seine neue Platte ausschließlich als Notensammlung. Die Fans sollen die Musik selber spielen und als Video bei Youtube reinstellen. Ich warte nun auf den ersten „Tatort“ aus Münster nach dieser Machart.
Und nun zum Sport. In London bei den Olympischen Spielen brachten es Badminton-Spielerinnen aus China, Indonesien und Südkorea zu einer brandneuen Regelauslegung ihres Sportes, indem sie alles dafür taten, um zu verlieren. Das sah lustig aus, führte jedoch zur Disqualifikation sämtlicher Sportlerinnen, weil die Schiedsrichter keinen Humor besaßen und altmodischerweise fanden, dass man gewinnen wollen muss.
Auf jeden Fall gewinnen wollte in diesem Jahr Jesper Jürgens. Und zwar bei „The Voice of Germany“. Ich gucke das nicht, weil ich vor Fremdscham juckende rote Stellen bekomme, wenn ich Nena sehe. Aber Kritiker fanden, ihre Sendung sei von allen Castingshows die modernste. Jedenfalls ist Jesper dort rausgeflogen und wedelte dann verbittert bei Youtube mit seinem 58seitigen Knebelvertrag. Er fühlte sich verarscht, vor allem von Universal Music. Und da muss man jetzt mal sagen, dass diese Castingshow-Knalltüten sich eben ihre Verträge VORHER durchlesen sollen und nicht hinterher.
Medial modern zeigte sich auch die ARD und verschob den Start ihres neuen Tagesschau-Studios, welches übrigens teurer wurde als geplant. Die öffentlich-rechtliche Anstalt folgte damit einem Trend. Alles wird teurer als angenommen, vor allem Flughäfen und Bahnhöfe. Und Apps. Apple hat nämlich heimlich die Preise erhöht. Das Unternehmen ist nicht nur das wertvollste der Welt, sondern auch das modernste. Das zeigt sich daran, dass seine Kunden jede noch so dreiste Volte der Firma akzeptieren, nur um deren Produkte besitzen zu dürfen. Das ist schon Avantgarde, bleibt aber trotzdem weit hinter dem Wirken von Wilfried „Höhlentroll“ Scharnagl zurück. Der CSU-Separatist forderte in diesem Jahr wieder mal, Bayern als unabhängigen Staat zu konstituieren und damit von Fortschritt und Evolution abzukoppeln. Ein glänzender Vorschlag, der für den FC Bayern München zur Folge hätte, dass sich das Team immer automatisch für die Champion’s League qualifizieren würde.
Überraschend modern verhielten sich 2012 die Amerikaner und wählten zum wiederholten Male einen Präsidenten, der nichts gegen Schwule, aber etwas gegen private Schusswaffen hat, was in einem Land mit über 200 Millionen registrierten Knarren in Bürgerbesitz nicht ganz ohne Risiko ist. Obama trat gegen einen Kandidaten an, in dessen Partei eine empörte Mehrheit der Auffassung ist, der Klimawandel sei eine kommunistische Erfindung. Die Kommunistische Erfindung hat dann Ende Oktober das marode Stromleitungsnetz an der Ostküste der USA lahmgelegt.
So wird es weitergehen. Die Welt wird immer moderner, die Datenleitungen werden immer schneller, aber die Menschen erstaunlicherweise nicht klüger. Das finde ich am Ende aber auch einen sehr beruhigenden und sogar tröstlichen Gedanken. Es wäre ja noch viel unerträglicher, wenn Alle um mich herum immer schlauer würden, bloß ich nicht.