Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.01.2013

301_Ein Leben als OK

Nick und ich fuhren vom Kino nach Hause. Er fragte, wie mir „Der Kleine Hobbit“ gefallen habe. Und da ich mich drei Stunden lang geärgert hatte, antwortete ich ohne Umschweife: „Grauenhaft. Was für ein unerträglicher Mist. Pseudo-Esoterik-Geschwafel mit Action aus dem Rechner. Wie grässlich. Man kann diese doofen Zwerge nicht auseinanderhalten, ihre Mission ist einem auch von Anfang an Wurscht; und dann dieses künstliche überscharfe Bild. Das sah überhaupt nicht aus wie Kino. Als die bei Elrond zu Besuch waren, dachte ich die ganze Zeit, jetzt geht die „Musikantenscheune“ los. Und dann diese 3D-Effekte. Bilbo wirkte wie ein Pappaufsteller im Media Markt. Ich weiß nicht. Ich glaube, bevor ich mir den zweiten Teil davon auch noch ansehe, trinke ich lieber zwei Liter Wurstwasser auf Ex.“ Dann fiel mir ein, dass ich tatsächlich auch etwas an diesem Film mochte. Ich bog auf die Autobahn ein und sagte: „Na gut: Gollum war super. Der ist toll, überhaupt die beste Figur in dem ganzen Laden.“ Nick antwortete: „Zu spät. Du hast mir den Film schon verdorben mit Deinem Gemecker. Vielen Dank.“
Zuhause wurde meine Laune nicht besser. Vielleicht liegt es am Alter. Ich werde immer ungeduldiger, wenn es um Filme und Musik geht. Ich zähle inzwischen leider zu jenen Griesgramen, die alles besser finden, was vor zehn oder zwanzig Jahren erschienen ist. Furchtbar, diese gereontologische Arroganz. Dabei ist das einzige, was früher wirklich besser war, meine Haltung gegenüber dem Neuen. Genauer gesagt dem Neuen und dem Lauten. Ich war 2012 einmal in einem Club und ertappte mich bei dem Wunsch, dem DJ mitzuteilen, dass sich dort auch noch Leute unterhalten wollten. Zum Glück habe ich das nicht gemacht. Ich hielt mich stattdessen tapfer an meinem Flaschenbier fest und traf die Entscheidung, dass man mit 45 nicht mehr in Clubs rumstehen sollte – außer der Club gehört einem.
Und natürlich war ich zudem der Ansicht, dass im vergangenen Jahr kaum gute Musik erschienen ist. Alles schon da gewesen. Bähbäh, Nörgelnörgel, Meckermecker. Früher war ich ganz vorne dabei, kannte sämtliche neuen Bands und jede Platte, die etwas taugte. Aber solche erscheinen nicht mehr. Behauptete ich jedenfalls standhaft und fühlte mich in etwa so, wie sich das Politbüro der DDR am 10. November 1989 gefühlt haben mag, als alle Bürger an ihnen vorbei über die Grenze liefen. Ich ahnte die Wahrheit zwar, wollte sie aber lange nicht akzeptieren. Dabei ist die Sache einfach: Es liegt nämlich an einem selber, die gute Musik zu entdecken. Das mag komplizierter geworden sein und fällt als Lebensaufgabe eher den Jugendlichen zwischen 14 und 40 zu. Aber es ist möglich.
Nachdem ich die Nerven unserer Tochter monatelang mit der langweiligen Behauptung strapaziert hatte, dass es keine hervorragende neue Musik mehr gäbe, schenkte Carla mir zu Weihnachten eine selbstgebratene CD mit ihren Lieblingsliedern. Die meisten Bands kannte ich nicht: Delphic, Boy, Urban Cone, White Hinterland, Stabil Elite, Empire of the Sun. Und so weiter. Alles toll und alles bisher an mir vorbeigegangen. Es schmerzte daran die saure Erkenntnis, dass ich allmählich den Löffel der Meinungsführerschaft innerhalb der Familie abgebe. Aber noch mehr peinigte mich, dass ich mit meinem doofen Gesabbel meinem Sohn den Kinobesuch verdorben hatte. Was interessiert es einen Zehnjährigen, ob ein Erwachsener das Bruchtal für Kitschkram hält?
Ich erinnerte mich an die großen Gefühle, die das Kino mir bescherte als ich zehn Jahre alt war. Damals lief „Der Spion, der mich liebte“ und ich war völlig hingerissen davon. Wenn mir hinterher jemand erklärt hätte, dass der Bösewicht „Beißer“ nur die Karikatur eines Killers und Roger Moore ohnehin bloß eine Parodie auf James Bond sei, hätte es mir auch den Spaß verdorben. Also ging ich zu Nick, um mich für mein blödes Gemecker zu entschuldigen. Ich öffnete die Tür und wurde von einem tonnenschweren Kissen erschlagen. Offenbar war ich in eine von meinem Sohn installierte Ork-Falle geraten. Nick lachte sich halbtot und beschoss mich mit Legosteinen, die er aus einer selbst gebastelten Armbrust abfeuerte. Das geschah mir recht. Ich bin ein unterbelichteter Ork.