Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.01.2013

304_Aero Unflott

Habe eine neue Entdeckung im Internet gemacht: Dort firmieren Seiten, die Ansprüche von Fluggästen an Airlines vertreten. Man trägt auf so einer Website die Flugnummer eines Fliegers ein, der einen zu spät oder gar nicht befördert hat und die Leute aus dem Internet beurteilen dann die Chance auf Wiedergutmachung. Anschließend setzen sie sich für einen mit dem Flugunternehmen in Verbindung, schlagen raus was geht und erhalten von dem zurückgezahlten Geld eine Provision. Dafür muss man sich nicht selbst stundenlang ans Telefon setzen. So wie ich. Letzte Woche.
Da wollte ich nach Düsseldorf, was in den besten Familien vorkommt und eine Fluglinie nicht vor unlösbare Aufgaben stellen sollte. Es ist vielmehr so: Die Airlines haben im Laufe der Jahrzehnte ein Geschäftsmodell verfeinert, in dem sie möglichst viele Menschen gleichzeitig von einem Ort zu einem anderen befördern, oft sogar ohne Zwischenlandung. Außer neulich. Schnee in München. Gut drei Zentimeter. Und weil München in der Karibik liegt und in unseren Breiten im Januar unmöglich mit Schnee zu rechnen ist, lief bald gar nichts mehr. Flüge verschoben, Flüge verspätet, verschneit, verschwunden.
Ich wartete vier Stunden auf den Abflug, welcher stoisch für 18:30 Uhr angekündigt wurde. Und dies sogar noch um 19 Uhr. Der Abflug eine halbe Stunde vorher wäre jetzt nur noch mit einer zusätzlichen Zeitreise machbar gewesen. Aber für die hatte ich kein Ticket. Die Fluggäste warteten in München noch aufs Einsteigen als der Flug in Düsseldorf längst annulliert auf der Anzeigetafel stand. Durcheinander, Chaos, drei Zentimeter Schnee. Dafür habe ich Verständnis. Die Fluggesellschaft – irgendwas mit Berlin, wo man ja mit dem Flugverkehr generell auf Kriegsfuß steht – diese Airline ließ aber dann plötzlich nicht mehr nur Flugzeuge verschwinden, sondern auch sämtliche Mitarbeiter im Abflugbereich. Vielleicht mussten sie ja zum Schneeschippen. Oder sie versteckten sich gemeinsam hinter einem Einwegspiegel und sahen ihren Kunden dabei zu, wie diese desorientiert wie führungslose Ameisen im Terminal herumirrten. Ich fuhr dann wieder nach Hause.
Am nächsten Tag rief ich bei der Firma an, weil ich mein Geld zurück haben wollte. Sie werde den Fall prüfen, sagte eine Dame. Sie verband mich mit einer scheußlichen Musik, während sie prüfte. Das dauerte 29 Minuten. Unterdessen hörte ich die scheußliche Musik und googelte den Begriff „Fluggastrechte“. Dabei stieß ich auf diese Seiten, die für genervte Fluggäste gegen Entgelt Rückzahlungen eintreiben. Nachdem ich zur Überraschung der Call-Center-Dame nach einer halben Stunde immer noch in der Leitung war, teilte sie mir mit, dass das Geld für meine Tickets umgehend ersetzt würde. Man schicke eine Bestätigungsmail. Ich habe dann in den vergangenen Tagen noch drei Mal je eine halbe Stunde scheußliche Musik gehört, weil diese Mail nie eintraf, aber eben ist sie gekommen. Ich muss mich also nicht an diese Internet-Firma wenden.
Aber die Geschäftsidee geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Großartig. Und ausbaufähig. Solche Seiten müsste es für alle Lebenslagen geben. Wenn einem etwas nicht gefällt, ruft man eine Seite auf, gibt Daten ein und erfährt sofortige Satisfaktion. Hat man zum Beispiel aus Versehen „Wetten, daß…“ angeguckt, bekommt man einen Teil seiner Gebühr zurück, wenn man die Sendezeit eingibt. Man hat in allen deutschen Medien sämtliche Texte von und über Jakob Augstein gelesen und findet ihn immer noch nicht schlimm? Einfach alle Titel, Heftnummern und Seitenzahlen eintippen und schon bekommt man 26,78 Euro erstattet, wegen der Produktenttäuschung. Wenn man mit seinem Ehepartner unzufrieden ist, einfach Größe und Alter angeben und dann wird der Gatte oder die Gattin innerhalb von drei Tagen ausgewechselt.
Wer mit seiner gesamten Existenz hadert, kann sein Geburtsdatum eingeben. Und erhält kostenlos ein ganz neues Leben. Man darf sogar wählen, ob als Pflanze, Tier oder Mensch. Und bei Vorlage einer gültigen Kundenkarte von Air Berlin bekommt man nach der Wiedergeburt zwei innerdeutsche Freiflüge. Auch als Pflanze.