Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.01.2013

303_Ich Grindviech

Heute eine Premiere: die erste einhändig verfasste Kolumne. Das ist erstaunlich, wenn man mein hohes Alter bedenkt. Aber ich habe mir tatsächlich noch nie den Arm gebrochen, noch nie die Hand in einer Schlinge transportieren müssen. Verwunderlich ist das schon deshalb, weil ich in einem Neubaugebiet aufwuchs, in dem jeder Junge sich irgendwann einmal die Unterarmknochen brach. Arme (auch Beine, aber seltener) brachen beim Verlassen von Baumkronen und Rohbauten, bei Seifenkistenrennen und Verfolgungsjagden auf dem Fahrrad. Eigentlich war immer irgendwo in der Nachbarschaft ein Arm infolge einer Quer-Schräg-Biegungs- oder Spiralfraktur außer Betrieb. Bloß bei mir nicht.
Das missfiel mir sehr, als ich ein Kind war. Ich beneidete die Jungs, die den Gips von netten Mädchen mit Filzstiften verziert bekamen. Und nicht nur dafür. Sie mussten auch die Klassenarbeiten nicht mitschreiben, wurden überhaupt verhätschelt und von der Schule abgeholt. Neben dem eindeutigen Distinktionsgewinn, den Unterarmfrakturen ihren Besitzern verschafften, eigneten sich Armgipse zudem ausgezeichnet, um sie bei Auseinandersetzungen mit Idioten aus der Parallelklasse als Kopframme einzusetzen. Einer der Idioten verlor dabei einmal einen Schneidezahn, den wir eine ganze Pause lang im Rasen hinter der Turnhalle suchen mussten. Und nicht das zahnlos weinende und aus dem Mund blutende Opfer wurde getröstet, sondern der Gipsarmschläger, weil man davon ausging, dass er in letzter Notwehr mit dem armen Arm zugehauen hatte.
Die Voraussetzungen für Armbrüche waren in den siebziger Jahren mehr als günstig. Es existierte weder eine Helm– noch irgendeine Knie– oder Ellbogenschonerpflicht für Kinder. Nicht einmal als ich ein Skateboard geschenkt bekam, brach ich mir irgendwas. Es handelte sich bei dem Ding um ein oranges Rollbrett aus Plastik und man sagte, es sei eine Modeerscheinung aus Amerika, die bald vorübergehen würde.
Aber Skateboards gibt es heute noch. Mein Sohn Nick ist vollkommen verrückt danach. Er möchte Profi werden. Er darf nur mit Helm und allerhand Schonern fahren, weil wir diesen Sport für gefährlich halten. Er besucht Skateparks, die in etwa so aussehen, wie man sich das Körperinnere eines Blauwals vorstellt. Dort rast er mit seinem Skateboard durch künstlich angelegte Blauwalmagenwände, fällt hin, lacht und rappelt sich wieder auf.
Neulich, zu Weihnachten, erhielt er von seinen Eltern eine so genannte Grind-Stange. Man muss das Wort englisch aussprechen, dann verliert es sofort seinen Schrecken. Spricht man es deutsch aus, öffnen sich Fenster zu Assoziationen, die ich einhändig nicht die Kraft habe, zu formulieren. Jedenfalls bekam er eine Grind-Stange. Damit kann man Skateboard-Tricks üben, zum Beispiel das Grinden. Dabei rutscht man mit einer oder beiden Achsen des Skateboards über eine Kante. Oder ein Treppengeländer. Oder eine Parkbank. Oder eine Grindstange.
Erst lag die Stange nur herum, weil das Wetter nicht gut genug war zum grinden. Aber vorgestern ging es dann. Die Stange ist sehr schwer, also trug ich sie für Nick auf die Straße. Er schnallte sich allerhand Ausrüstung um den Leib und übte. Nachdem ich ihm 10 Minuten zugesehen hatte, wollte ich es auch mal ausprobieren. Nick ermahnte mich, nicht ohne Helm und Schoner zu fahren, aber ich hörte nicht auf ihn. Was sollte da schon passieren? Vor 35 Jahren ist auch nichts passiert. Ich breche mir keine Knochen. Ich stellte mich auf sein Skateboard, rollte mit mäßigem Tempo auf die Stange zu, verlagerte das Gewicht nach hinten, die Schnauze des Boards richtete sich nach oben, ich verlor das Gleichgewicht, das Brett entflutschte mir und flog gegen mein Auto, während ich nach hinten fiel und erst mit dem rechten Unterarm und dann mit dem Hinterkopf auf den Asphalt knallte.
Wir fuhren dann gleich ins Krankenhaus. Meine Gattin schwieg, Nick erklärte mir, was ich falsch gemacht hatte. Dann wurde geröntgt und ich verließ die Notaufnahme mit einem Verband. Und einer doppelten Niederlage: Es ist kein Bruch. Nur eine Verstauchung. Kein Gips. Keine Blümchen. Und ich muss meine Kolumne trotzdem schreiben.