Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.02.2013

305_Im Gangnam-Bann

Vorgestern habe ich erste Schritte getan. Und zwar in Sachen Gangnam Style. Ich war bis vor kurzem der letzte Deutsche, der das Video dieses durchgedrehten Koreaners namens Psy noch nicht gesehen hatte. Vollkommen stumpfe Musik, aber irgendetwas daran bleibt doch im Ohr hängen. Das ist ein typischer Fall von Konträrfaszination und ungefähr so, wie wenn man als Frau in der Hotelbar auf Herrn Brüderle trifft. Das gefällt einem auch nicht unbedingt, aber man kann sich noch ein Jahr später gut daran erinnern, wenn es aus beruflichen Gründen von einem verlangt wird.
Und das ist momentan der Fall. Alle deutschen Zeitschriften und Zeitungen sowie sämtliche private und öffentlich-rechtliche Sendeanstalten fordern gerade ihre festen und freien Mitarbeiter dazu auf, sich an Begegnungen mit Politikern noch einmal ganz genau zu erinnern. Nachdem der Stern diesen hammermäßigen journalistischen Scoop mit Brüderle gelandet hat, beginnt nun das Wettrennen um die nächste Enthüllung. Die Redaktionen schieben Sonderschichten und erste Ergebnisse liegen bereits vor. Es ist zwar noch nichts eindeutig Justiziables dabei, aber einzelne Meldungen klingen ganz vielversprechend.
So soll Horst Seehofer eine Mitarbeiterin der Augsburger Allgemeinen im Rahmen eines Mittagessens im Mai 1998 um das Salz gebeten haben. Gut, das wird ihn nicht das Amt kosten, aber fragwürdig ist so ein Benehmen durchaus. Und wenn es stimmt, dass Kurt Beck zu einer Reporterin des Südwestrundfunks wirklich „darf ich da mal gerade durch“ gesagt hat, wird er sich erklären müssen. „Darf ich da mal gerade durch!“ Schmieriger geht es wirklich nicht mehr. Da hört der politische Diskurs längst auf, da beginnt der Machtmissbrauch, das ist wirklich unerträglich. Und es ist keineswegs so, dass nur Männer ihre Macht missbrauchen. Auch die Kanzlerin gerät nun unter Druck. Angeblich hat Angela Merkel im Rahmen des G8-Gipfels 2007 in Heiligendamm zu dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy gesagt: „Du bist wohl ein ganz Süßer.“ Worauf sie da angespielt hat? Vielleicht nicht nur darauf, dass der Präsident zwei Desserts und noch drei Pralinen hatte. Das kann man so sehen. Man kann es aber auch als eindeutige erotische Grenzverletzung zu Ungunsten eines kleinen wehrlosen Franzosen interpretieren.
Auch ich suche seit Tagen nach verwertbaren Erlebnissen, kann mich aber an kaum etwas erinnern. Bin ich schon einmal von einem FDP-Mann irgendwie belästigt worden? Nein, weiß nicht mehr, wohl eher nicht. Überhaupt verhielten sich Angehörige beiderlei Geschlechts aus dem Politikbetrieb immer sehr anständig, wenn sie mir begegneten. Der Bütikofer von den Grünen hat allerdings unheimlich geschwitzt. Aber das taugt jetzt nicht zum Skandal. Und der SPD-Grandseigneur Horst Ehmke hat einmal vor meinen Augen einen Teller Sülze mit Bratkartoffeln verspeist. Das war nach einer Wahlveranstaltung in einer Kneipe. Anzüglich wurde er dabei nicht. Nein, ich kann da nicht viel beitragen. Jedenfalls nicht bei der Opferberichterstattung. Andersrum könnte es hingegen böse ausgehen für mich.
Denn ich musste ja wie gesagt vorgestern auf Geheiß meines Sohnes den Gangnam-Style-Tanz tanzen. Ich hatte eine Wette gegen ihn verloren. Nick hatte behauptet, ich könne keine ungeröstete Scheibe Toast innerhalb einer Minute essen. Ich hielt dagegen. Tatsächlich ist es jedoch nicht möglich. Der trockene Toast saugt die ganze Spucke im Mund auf und das Brot lässt sich nicht hinunterwürgen. Probieren Sie es aus. Es geht nicht. Also musste ich zur Strafe tanzen. Nick brachte mir die Schritte bei. Dann gingen die Kinder zur Schule und ich latschte wie Toni Soprano im Bademantel aus dem Haus, um die Zeitung zu holen. Da kam die Briefträgerin um die Ecke. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie hatte ich den Gangnam-Style im Kopf. Ich begrüßte die junge Dame mit dem Ausruf „Oppan Gangnam Style“ und machte einen der hüftbetonten Tanzschritte aus dem Video. Dabei glitt mir der Bademantel von den Schultern. Es muss ein verstörender Anblick gewesen sein. Und ich kann nur hoffen, dass die Briefträgerin niemandem davon erzählt. Sonst bin ich dran. Gestern war jedenfalls schon mal keine Post im Briefkasten.