Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.02.2013

306_Zyklus des Lebens

Nach Ansicht des Bundesverbandes der Biologielehrer leitet einen die Kenntnis des Zitronensäurezyklus zu köstlichstem Verständnis des Universums im Allgemeinen sowie der Mitochondrien im Besonderen. Die Nichtkenntnis des Zitronensäurezyklus führt hingegen ohne Umweg in die Hölle. Wobei ich jetzt aus der Lamäng gar nicht genau weiß, ob es überhaupt einen Bundesverband der Biologielehrer gibt. Für alle, die den Zitronensäurezyklus nie verstanden haben, bleibt jedenfalls das Universum ein dunkles Loch und der Zitronensäurezyklus eine mythische Schülerfolter. Dennoch kannte ich an meiner Schule ein paar Leute, die ihn draufhatten.
Wer ihn beherrschte, der konnte auch Mathe und Cello und wusste nicht nur, wo der Hase langlief, sondern auch warum und mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit. Alle anderen, also ich, waren auf illegale Hilfsmittel angewiesen. Ich hätte die betreffende Biologie-Klausur damals auch schaffen können. Wenn ich nicht zwischendurch auf die Toilette gegangen wäre. Wobei: Das war nicht das schlimme. Blöd daran war bloß, dass ich mir danach gedankenverloren die Hände wusch. Der Teil des Zitronensäurezyklus, den ich mir mühsam morgens in Mikroschrift auf das linke Handgelenk unter die Armbanduhr gekrakelt hatte, verschwand beim Waschen sofort. Und der andere Teil, den ich am rechten Handgelenk retten konnte, wurde dadurch sinnlos. Mit einem halben Zitronensäurezyklus lässt sich schwer auftrumpfen. Man kann ja schlecht sagen: „Oh, leider wurde der Kreislauf in meinem Gehirn von Prokaryoten aufgefressen. Es ist nur noch der Kram nach dem Succinat übrig.“
Das glaubt einem ja kein Mensch. Jedenfalls erhielt ich für den halben Zyklus eine Sechs. Und das nur, weil ich so ein hygienischer Typ bin und in diesem Fall auf die Anfertigung eines ordentlichen Spickzettels verzichtet hatte. Ich war darin auch nie besonders gut. Ich hatte Mitschüler die wesentliche Hilfestellungen zu „De Bello Gallico“ auf einem daumennagelgroßen Papier unterbrachten. Oder Interpretationshilfen zu Richard III in einem Kassiber, welchen sie als Miniatur-Papierrolle aus einem Kugelschreiber zogen. Gewiefte Mädchen schrieben sich mathematische Formeln auf die Oberschenkel und hoben den Rock, um Körperberechnungen von Pyramiden und Tetraedern dort nachzusehen. Ein Kollege übertrieb allerdings den Toilettentrick, indem er auf dem Klo nicht etwa einen Mitschüler versteckte, sondern seinen Vater, der immerhin nicht von der Schule fliegen konnte. Ich denke mit Wehmut an diese glücklichen Zeiten zurück und nahm bis gestern an, dass diese längst vergangen sind. Moderne Schüler können womöglich bei funktionierendem W-LAN telepathisch mogeln.
Doch dann fiel mir gestern eine Jeans unserer Tochter in die Hände. Ich wollte sie waschen und sah in den Hosentaschen nach. Unser Pubertier Carla bewahrt darin hochinteressante Dinge auf. Kaugummi, einen Fahrschein, eine Haarklammer, eine Sim-Karte, einen Spickzettel. Tatsächlich. Ich war begeistert und nun liegt er auf meinem Schreibtisch. Es handelt sich um ein Merkblatt von der Größe eines Streichholzbriefchens, das die Standard-Gliederung einer Interpretation enthält. Ein Meisterwerk der Reduktion. Carla hat mit verschiedenen Farben in winziger Schrift notiert, worauf es ankommt. Protagonist und Antagonist, Zusammenfassung, und weiter unten: „ziebare Schlüsse.“ Und was schließen wir daraus? Dass der Spickzettel als Medium sämtliche Schulreformen überlebt und noch lange nicht ausgedient hat. Print lebt! Sozusagen.
Und das, wo man solche Hilfsmittel gar nicht braucht, wenn man sich an den Rat führender Hirnforscher und Gedächtniskünstler hält und sich im Bedarfsfall geschickte Eselsbrücken baut. Im Falle des Zitronensäurezyklus lautet die: Alle Citronen Im Keller Sind Schon Faules Matschiges Obst. Das steht für: Acetyl-Coa, Citronensäure, Iso-Citrat, α-Ketoglutarat, Succinyl-Coa, Succinat, Fumarat, Malat, Oxalacetat. Wenn ich das vor 28 Jahren gewusst hätte, wäre ich heute der Beherrscher des Universums.