Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.02.2013

308_Abenteuer Leben

Seit einiger Zeit darf Nick mit der S-Bahn fahren. Nicht weit, aber zwei Stationen zu seinem besten Freund Finn. Der holt ihn an der Haltestelle ab und sie machen Zehnjährigen-Blödsinn. Sie basteln Wasserbomben, spielen mit ihren Star Wars-Karten und sie ärgern Finns kleine Schwester. So etwas Tolles kann Nick zuhause nicht, weil da nur eine große Schwester ist, die ihm die Hammelbeine langzieht. Am Freitag fuhr Nick also mit der S-Bahn zu seinem Kumpel. Er sollte um Punkt sieben Uhr wieder da sein. Er kam aber nicht. Auch nicht mit der Bahn danach. Also rief ich Finns Mutter an. Sie sagte, dass die beiden pünktlich gemeinsam aus dem Haus gegangen seien und dass Finn auch noch nicht zurück sei. Ich hasse es, mir Sorgen zu machen. Ich will es nicht. Ich mag nicht, wenn sie durch das Rückenmark marschieren und oben im Kopf den Beamer anwerfen und die schlimmsten Filme in die Seele projizieren. Es ist furchtbar.
Natürlich stellte ich mir vor, dass Nick in der S-Bahn etwas zugestoßen war. Ich sah große gemeine Jungs, die ihm seinen Kopfhörer wegnahmen und ihn traten, beobachtet von einer schweigenden Herde feiger Erwachsener. Dann sah ich, wie er einem fremden Mann folgte, der ihm versprach ihn in einem Ferrari nach Hause zu bringen. So ein Gert-Fröbe-Verschnitt mit einem schwarzen Mantel und einem großen Hut. Ich dachte an die Möglichkeit, dass Nick irgendwo verzweifelt 35 Haltestellen entfernt im Schnee herumirrte. In Mammendorf vielleicht. Oder in Grub. Oder in Großhelfendorf. Und schließlich sah ich Nick, acht Jahre älter geworden vor unserer Tür stehen, hartes Gesicht, dunkle Augenringe, günstiger Anzug, einer Drückerkolonne entronnen.
Sara rief bei sämtlichen seiner Freunde an, aber niemand hatte ihn gesehen. Und Finn auch nicht. Aber das tröstete mich wenig. Man kann auch zu zweit verschwinden. Ich fuhr zur S-Bahn und suchte nach den beiden. Ich fuhr die Strecke ab, stellte mich auf den Bahnsteig, wartete in jede Richtung einen Zug ab und fuhr wieder nach Hause, weil ich dachte, dass er vermutlich inzwischen dort eingetroffen war. Doch das war er nicht. Dann erinnerte ich mich an einen Fall aus meiner Kindheit: Da haben fünfzig Väter aus der Nachbarschaft einmal nach einem Jungen gesucht, die Eltern wurden bald wahnsinnig und die Sache zog sich bis nach Mitternacht. Dann ging die Mutter aus irgendeinem Grund in das Zimmer des kleinen Jungen. Der lag in seinem Bett und schlief. Er hatte sich nachmittags hingelegt und durchgeschlafen. Er war gar nicht erst weg gewesen.
Ich raste in Nicks Zimmer, machte das Licht an und stürzte zum Bett. Es war leer. Ich setzte mich auf die Kante und dachte nach. Der Hamster klapperte durch sein Laufrad, in mir ratterten die Zweifel. Ab wann darf man die Polizei anrufen? Es war kurz vor 21 Uhr. Reichen zwei Stunden? Macht man sich lächerlich? Und: Man soll sein Kind nicht vorverurteilen. Vielleicht ist unser Anschluss gestört und er kann nicht anrufen. Ich rief vom Handy auf dem Telefon an und es klingelte.
Dann hörte ich die Haustür. 20 Uhr 59. Nick kam rein und hängte seine Jacke auf. Auf meine Frage, wo er jetzt herkomme erzählte er, dass sie um zwanzig vor sieben zur S-Bahn gegangen seien. Sie machten dann Faxen, um die Tür des Wagens immer wieder zu öffnen. Schließlich ermahnte sie der Fahrer der S-Bahn einzusteigen, damit er weiterfahren konnte. Sie fuhren dann mit, verplauderten aber die richtige Station. Erst wollten sie am nächsten Bahnhof aussteigen, um die Gegenbahn abzuwarten und zurück zu fahren, aber dann fiel ihnen ein, dass sie dann zwanzig Minuten auf einem langweiligen Bahnsteig rumstehen würden. Also fuhren sie gleich durch zum Münchner Hauptbahnhof, um dort die Zeit bis zur nächsten Gegenbahn sinnvoller zu nutzen. Sie gingen in eine Konditorei, bestellten je ein Stück Käsekuchen, kauften anschließend ein Simpsons’s Comic und nahmen die erste Bahn, die wieder zurück fuhr. Nick war so fröhlich und stolz darauf, dass er diese Reiseaufgabe problemlos bewältigt hatte. Ich ging in die Küche und machte die Tür hinter mir zu. Ich wollte nicht, dass er mich so sah.