Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.03.2013

309_Politikstunde

Wir saßen in Antonio Marcipanes Wohnzimmer und tranken Kaffee, Toni und ich. Natürlich wollte ich über die Wahl sprechen. Und über die seltsame Neigung der Italiener zu dem Mann, den sie dort „Die Mumie“ nennen. „Habi der Kerl nikte gewählt“, sagte Antonio. Gut. Er hat überhaupt nicht gewählt. Auch nicht den anderen Überraschungssieger Beppe Grillo. Eine Meinung hatte er aber trotzdem und die geht so: Er findet Mario Monti im Prinzip gut, weil der endlich die Reformen angeschoben hat, die für seine Heimat so dringend notwendig sind. Allerdings findet er ihn auch nur deshalb gut, weil er in Deutschland lebt. Wohnte mein Schwiegervater in Italien, hielte er Monti für einen Dieb und Schwerverbrecher. Genau wie Silvio Berlusconi übrigens. Letzterer wird von der Mehrheit der Italiener als peinlich, korrupt und halbseiden angesehen. Das hindert aber Viele nicht daran, ihn zu wählen? Warum?
Mein Schwiegervater wiegte den Kopf hin und her und sagte: „Weil iste eine Tradizione.“ Was soll das denn für eine Tradition sein, die darin besteht, seine Stimme einem womöglich Kriminellen, auf jeden Fall aber egoistisch auf sein eigenes Wohl bedachten Großmaul anzuvertrauen? Antonio stellte seine Tasse ab, musterte mich scharf und sagte: „Kenni Länder, wo schlektere Type mitti Wahl an die Makte gekommesind.“
Ja, da hat er Recht. Wir Deutschen neigen spätestens seit der Wiedervereinigung ein wenig zur Selbstgerechtigkeit in Demokratiefragen. Das verstellt uns manchmal die Sicht auf die Realität im befreundeten Ausland. Tatsächlich existiert nämlich ein einleuchtender Grund dafür, dass dieser mit der Airbrush-Pistole angemalte Milliardär mit dem Fahrstuhl direkt aus der Hölle in den politischen Mittelpunkt zurückgekehrt ist: Er hat den Leuten etwas Handfestes versprochen. Bargeld. So einfach ist das. Das ist die Tradition, die Antonio meint.
Sie besteht darin, dass Politiker dem Wahlvolk irgendwas Konkretes in Aussicht stellen, was es anschließend auch erhält. Es ist ein Prinzip, das im ländlich geprägten Italien oft funktioniert. Dort kann man auf kommunaler Ebene eine Wahl gewinnen, indem man verspricht, einen Autobahnanschluss zu bauen. Der wird anschließend auch tatsächlich realisiert, wenn auch ohne erreichbare Autobahn. Aber die Zufahrt ist schon mal da, mitten in der Landschaft. Oder es entstehen Krankenhäuser ohne Betten oder Flughäfen mit zu kurzen Landebahnen. Bei der nächsten Wahl gibt es neue Versprechen.
Das so genannte große Ganze spielt für viele Italiener keine Rolle, denn sie verlassen selten die Gegend, in der sie leben. Die Toscana kümmert einen apulischen Bauern wenig, und Europa kümmert ihn praktisch überhaupt nicht. Dass die Zinsen für die Staatsverschuldung steigen, wenn man Berlusconi wählt, ist dem Bauer wurscht, denn er betrachtet diese Schulden nicht als seine. Und weil er findet, dass er keine gemacht hat, ärgert es ihn, dass er sie bezahlen soll, nämlich mittels der Immobiliensteuer, die Mario Monti eingeführt hat. Und so freut er sich, wenn der Cavaliere Berlusconi verkündet, dass er die Steuer abschafft und ihm das Geld notfalls aus der eigenen Tasche erstattet. Das Prinzip ist ziemlich banal, funktioniert aber in einer Gesellschaft ohne bürgerliche Traditionen, in welcher Gemeinsinn nicht besonders populär ist und eher als Schwäche betrachtet wird.
Dass sich diese unmodern und borniert wirkende Haltung mit der Verbreitung schneller Internetzugänge und der damit verbundenen Vergrößerung des italienischen Horizontes langsam ändert, sieht man auch am Erfolg des Komikers Beppe Grillo. Er hat alleine bei Facebook über eine Million Fans, die seine moralischen Schimpftiraden auf die Politik für einen neuen Politikstil halten. Antonio Marcipane ist das egal. „Eine Italiener kannste in Prinzip nikte regieren,“ doziert er. Da kommt seine Frau ins Wohnzimmer. Ursula sieht ihren Mann streng an und fordert ihn auf, sofort seine Herztabletten zu nehmen. Außerdem möge er umgehend zum Supermarkt abdampfen und Eier kaufen, wenn ihm an der Zubereitung von Spaghetti Carbonara etwas liege. Antonio steht auf, zieht seinen Pullover gerade und sagt: „Mussi korrigieren: Eine Italiener kannste in Prinzip nikte regieren, außer von eine deutsche Frau.“ Dann nimmt er die Tabletten und zieht seine Jacke an.