Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.03.2013

310_Der geblockte Blog

Letzte Woche wurde ich zum vierten Mal von meiner Tochter bei Facebook defriended. Drei Mal gelang es mir durch kalkuliertes Wohlverhalten, von ihr begnadigt zu werden. Dann nahm sie meine Freundschaftsanfragen wieder huldvoll an und wies mich darauf hin, dass ich in Zukunft mein Lästermaul halten müsse und die Konversation mit ihren Freunden nicht mehr durch unbotmäßige Kommentare zu stören habe. Und am Mittwoch ist es dann passiert. Knappe Nachricht von Carla, dass ich endgültig raus sei, sie habe mich gewarnt, mehr als einmal und damit basta. Was war geschehen?
Ich muss zugeben, dass ich mich wieder nicht zurückhalten konnte. Ich postete einen Kommentar zu einer Diskussion, in der es um Spießigkeit ging. Carla und die anderen Pubertiere unterhielten sich darüber, welche Eltern besonders, nicht so sehr oder gar nicht spießig seien. Carla postete in diesem Zusammenhang, dass ihr Oller (ich!) neuerdings Hausschuhe trage. Das sei ja wohl das Allerletzte. 18 Heranwachsende taten per „gefällt-mir-Button“ kund, dass sie derselben Meinung waren. Und dann schrieb ich leicht beleidigt eben auch was, dafür sind diese Kommentarfelder schließlich da. Ich schrieb: „Ihr seid doch selber alle kleine Spießer.“ Tja. Und damit war mein Schicksal besiegelt.
Und ja: Ich trage Hausschuhe. Ich bin 45 und habe kalte Füße. Früher war ich ein Glutnest, jetzt bin ich Ötzi, der tiefgekühlte Alpenopa. Wahrscheinlich lässt die Durchblutung nach. Der Verfall beginnt. Schrecklich. Und ich bin nicht stolz auf meine Puschen. Ich habe mich lange gegen ihre Anschaffung gewehrt. Sara suchte im Internet nach Modellen, die nicht ganz furchtbar aussehen und die Quanten warmhalten. Sie bestellte welche, die wie dicke Mokassins aussehen. Es vergeht kein Tag, ohne dass ich an mir heruntersehe und denke: Himmel Herrgott wo bist Du gelandet. Dann gehe ich in die Küche und erfreue mich an der wärmebedingten Beweglichkeit meiner Zehen. Na gut: Bin ich halt ein Spießer. Aber einer mit warmen Füßen. Die Frage ist doch: Sollte ich lieber ein Leben lang kalte Flossen haben, nur damit ich mir selber sagen kann: Ich habe dem spießigen Hausschuh widerstanden? Ich bin ästhetisch unbesiegbar! Für wen die Mühe? Sieht doch eh keiner.
Nachdem Carla mich entlassen hatte, schrieb ich ihr Mails. Ich jammerte, ich flehte, ich drohte und schickte schließlich zahllose SMS mit der Bitte um Wiederaufnahme, aber sie schrieb nur zurück: „Nein, Papa.“ So muss es sich anfühlen, wenn man von den Kindern in ein Altenheim in den Hunsrück abgeschoben wird. Kurz bevor sich das Facebook-Fenster meiner Tochter für mich schloss, sah ich noch ein Posting von ihr. Sie lud alle Freunde ein, ihren Blog zu lesen. Unser Pubertier schreibt einen Weblog. Um in dessen Genuss zu geraten, muss man ihr eine Nachricht schicken, dann sendet sie den Link zurück.
Nur meinen Antrag lehnte sie ab. Sie schrieb mir aus ihrem Zimmer eine Mail, derzufolge ich mich gehackt legen könne und was ich eigentlich dauernd von ihr wolle? Das ist ganz einfach: Ich habe angst, dass sie da etwas über mich erzählt. Darauf habe ich keine Lust. Also schrieb ich über Facebook ihre Freundinnen an, jedenfalls die, mit denen ich auch befreundet bin. Ich bat um den Link zu ihrem Blog. Sie antworteten, es sei ihnen strengstens untersagt worden, mich damit zu versorgen. Dann schickte mir Franzi (den Namen habe ich zu ihrem Schutz geändert) einfach kommentarlos den ersten Blogeintrag meiner Tochter. Da wurde mir Einiges klar. Carla schrieb: „Schön, dass Ihr da seid. Ich werde von heute an mit glamourösen Berichten Euer Leben verschönern. Natürlich weiß ich, dass das Internet keine Geheimloge ist. Irgendwie kommt immer alles raus. Nur Einer darf diesen Blog nicht lesen: Mein Vater. Schließlich ist er die Hauptperson. Er und seine Hausschuhe. Hahaha! Er wird Euch um den Link zu dieser Seite anbetteln. Er wird Komplimente machen und sich womöglich als jemand anders ausgeben. Fallt nicht darauf herein, denn sonst: Schreibe ich nicht weiter.“
Kein Wunder, das ihre Freunde dicht hielten. Aber irgendwie komme ich schon an den Link. Und wenn ich Carla dafür meine Hausschuhe unter die Nase halten muss.